WirtschaftsBlatt Kommentar vom 6. 9. 2006: Das Eulenspiegel-Syndrom - von Herbert Geyer

Uns graut vor dem Tag, an dem die Österreicher zufrieden sind

Wien (OTS) - Ein bisserl erinnert's an die Geschichte vom Eulenspiegel, der gefragt wurde, warum er denn so ein griessgrämiges Gesicht macht, wenn die Strasse bergab führt, während er lachend den Berg hinauf gehe: "Beim Hinuntergehen sehe ich schon den mühsamen Anstieg auf der anderene Seite", antwortete der Schalk, "aber wenn's bergauf geht, dann freue ich mich, dass es hinter der Kuppe gemächlich bergab geht."

Da revidiert die OECD ihre Prognose für die Euro-Zone gleich um 0,5 Prozentpunkte hinauf. Das erste Halbjahr ist in Europa so gut gelaufen, dass die Wirtschaft im Jahresschnitt statt um 2,2 gleich um 2,7 Prozent wachsen wird. Werte für Österreich wurden nicht veröffentlicht, aber da unser Land zuletzt immer über dem Euroland-Schnitt lag, wird wohl nicht viel auf drei Prozent fehlen -die genaueren Prognosen der österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitute wurden auf die Zeit nach dem Wahltag verschoben.

Und am selben Tag wie die OECD veröffentlicht AC Nielsen eine Studie über das weltweite Konsumentenvertrauen, laut der sich die Österreicher als Weltmeister im Schwarzsehen profilieren: Egal, ob's um die Job-Aussichten geht, um die persönlichen Finanzen oder darum, ob die Zeit günstig für lang gewünschte Konsumgüter ist - der typische Österreicher antwortet stets: "Ollas Oasch."

Anders formuliert: Auf alle Fragen geben sich die Österreicher pessimistischer als der - ohnhin schon nicht besonders hoffnungsfrohe - Durchschnitt der Europäer; bei einigen Fragen markieren sie überhaupt das absolute Schlusslicht der weltweiten AC Nielsen-Rangliste.

Nun waren die letzten Jahre - nicht nur, aber gerade auch für die österreichischen Konsumenten - nicht wirklich supertoll. Die steigenden Spritpreise haben die moderaten Lohnerhöhungen weggefressen, der Arbeitsmarkt stand unter Druck wie seit den 50ern nicht mehr, und die Pensionsreformen erinnerten nachdrücklich an die Notwendigkeit, von dem ohnehin zu knapp vorhandenen Geld noch einiges auf die hohe Kante zu legen.

Aber der heurige Aufschwung ist tatsächlich an allen Ecken und Enden spürbar: Es ist wieder mehr Geld da, sogar am Arbeitsmarkt ist die Entspannung nicht zu übersehen. Der aktuelle Pessimismus der Österreicher ist wirklich nur noch mit dem Eulenspiegel-Syndrom zu erklären.

So gesehen, können wir uns nur vor dem Tag fürchten, an dem die Österreicher sich in Umfragen als zufriedene Konsumenten deklarieren …

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