"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gläserne Natascha" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 29. August 2006

Innsbruck (OTS) - Natascha Kampusch bewegt. Man will ihre
Geschichte hören und lesen, endlich das Gesicht jener 18-Jährigen sehen, die acht Jahre in einem winzigen Kellerverlies gefangen gehalten wurde. Natürlich verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem. Doch im Fall "Natascha" kann derzeit nur wenig privat, hingegen fast alles öffentlich sein.

Nataschas Schicksal ist eine Sensation im Positiven wie Kaprun oder Galtür eine im Negativen war. Das Unfassbare soll in allen Fällen fassbar gemacht und aufgearbeitet werden. Mit Hilfe der Medien, die als Vermittler agieren, Bilder und Geschichten dazu liefern. Aber auch Erklärungen. Und das sollte man nicht vergessen.

Die Dreiecksbeziehung zwischen Opfer, Medien und Öffentlichkeit wird immer eine schwierige sein. Interessensphären reiben sich aneinander und ergehen sich nicht selten in Sensations-Lust, Informations-Gier und Opfer-Frust. Nataschas zweites Leben beginnt im Fokus der Öffentlichkeit, dem sie kaum entrinnen kann. So wie das Wort "Normalität" bei allem Bemühen um Integration für sie lange ein Fremdwort bleiben wird. Sie muss jetzt gelehrt werden, damit umzugehen; um nicht an ihrem neuen Leben zu zerbrechen, indem sie das alte ständig einholt.

Die Informationsgesellschaft kann niemand mehr abbestellen, sie ist Realität. Ihre Entführung, die achteinhalbjährige Isolation und die spektakuläre Flucht aus dem Kellerverlies haben aus der 18-Jährigen eine Story gemacht. Ihr Schicksal ist ein gläsernes. Die Verantwortung der Medien kann deshalb nur einzeln bewertet werden:
Wort für Wort, Bild für Bild und Ton für Ton.

Wer heute den moralischen Zeigefinger erhebt, knipst mit ihm vielleicht schon morgen das erste Foto von Natascha Kampusch. Denn ihre Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, weil sie eben erst angefangen hat.

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