Grenzverletzer und Besserwisser

"Presse"-Leitartikel von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Natascha Kampusch versteht die Ambivalenz ihrer Situation besser als viele der handelnden Experten.

Natascha Kampuschs Brief, den Max Friedrich am Montag verlas, ist ein beeindruckendes Dokument. Da wendet sich eine junge Frau in ziemlich souveränem Ton an die "sehr geehrte Weltöffentlichkeit", die acht Jahre an der Seite eines Mannes verbringen musste, der sie, wie sie schreibt, "auf Händen getragen und mit den Füßen getreten" hat, und die jetzt vor der Aufgabe steht, dieses Geschehen nicht nur für und vor sich selbst, sondern auch vor der und für die Weltöffentlichkeit zu "verarbeiten".
Besonders beeindruckend ist, dass diese 18-Jährige ein besseres Gespür für die Ambivalenz ihrer Situation zu haben scheint als viele Professionisten aus den Bereichen Psychologie, Kriminalistik und Medien. Die Ausgewogenheit zwischen dem Verständnis für das Interesse und die Neugier, die ihr jetzt entgegengebracht wird, und dem Pochen auf Ruhe und Privatheit scheint angesichts der Ausnahmesituation, in der sie sich seit ihrem zehnten Lebensjahr befand, fast unglaubwürdig. Nicht wenige Passagen dieses Briefes erwecken, sowohl was die Wortwahl als auch den abgeklärten Ton betrifft, den Eindruck, als könnte ihn eine junge Frau mit dieser Geschichte und in dieser Situation gar nicht geschrieben haben.
Hat sie ihn wirklich selbst geschrieben? Nicht so, nicht in einem Zug, nicht in dieser Reihenfolge, sagt Max Friedrich. Aber jedes Wort stammt von ihr. Auch wenn der Star-Psychiater während der vergangenen Tage mehrmals erklärt hat, er versorge die hungrige Medienmeute zum Schutz von Frau Kampusch absichtlich mit Falschinformationen, muss man davon ausgehen, dass seine Information korrekt ist. Andernfalls würde hier, in Friedrichs Sprache, die "dritte Viktimisierung" der Natascha Kampusch stattfinden, nämlich die Erzeugung eines falschen Bildes ihrer Persönlichkeit und ihres Befindens, unter dessen medialer Reflexion sie erneut zu leiden hätte.

Natascha Kampusch hat also, und das gehört zu den beeindruckenden Aspekten dieses Vorgangs, einen deutlich realistischeren, ausgewogeneren, professionelleren Zugang zur medialen Dynamik ihres "Falls" als etliche der Medienkritiker innerhalb und außerhalb der Medien, die sich derzeit gefragt und ungefragt mit Analysen zu Wort melden. Es ist einfach nicht wahr, dass die Fülle der Berichterstattung, der Hunger nach Details, dass der Versuch, ein möglichst lebendiges Bild von den Ereignissen der vergangenen acht Jahre zu bekommen, ein Beweis für die Verkommenheit und Respektlosigkeit einer Medienwirklichkeit seien, die mehr und mehr vom Quotendiktat des Boulevards beherrscht würde.
Was viele der selbst ernannten Medienexperten, die sich in ihren Verkommenheitsfantasien gefallen, nicht begreifen, ist für diese junge Frau selbstverständlich: Ihr ist absolut Ungewöhnliches widerfahren, also gibt es ein absolut ungewöhnliches Interesse an ihrer Person und ihrer Geschichte. Die Forderung, man solle die arme Frau jetzt einfach in Ruhe lassen, was passiert sei, gehe niemanden etwas an, ist bestenfalls naiv. Wenn selbst ihr Betreuer Max Friedrich öffentlich erklärt, dieser Fall stelle eine europäische Einzigartigkeit dar, wäre es einigermaßen absurd, so zu tun, als wäre die ausführliche Berichterstattung ausschließlich Ausdruck eines verkommenen, überzogenen Voyeurismus.

Natascha Kampusch zieht mit ihrem Brief Grenzen, die zu respektieren sind. Sie hat vollkommen Recht, wenn sie meint, dass die Veröffentlichung des Videos, in dem ihr "Verlies" gezeigt wird, eine Grenzüberschreitung war. Es wurde von den Ermittlungsbehörden veröffentlicht und deswegen ohne große Reflexionen durch die Medien allgemein zugänglich gemacht. In Wahrheit hatte und hat es weder für die Ermittlungen noch für das Verständnis der Vorgänge eine entscheidende Bedeutung, sondern stellt nur einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre einer jungen Frau dar. Behörden und Medien haben das nicht oder zu spät begriffen. Wenigstens jetzt, wo die Betroffene klargemacht hat, dass sie darin eine Grenzüberschreitung sieht, sollte das Video aus der Öffentlichkeit verschwinden.
Das stellt keine Alibihandlung dar, sondern illustriert den angemessenen Umgang mit Ereignissen wie dem "Fall Natascha Kampusch":
Diejenigen, die hinterher immer schon gewusst haben, was zu tun gewesen wäre und was nicht, sind nichts weiter als arrogante Besserwisser. Mit ihrem Brief hat eine 18-Jährige nicht nur den grenzverletzenden Medienleuten, sondern auch ihnen eine Lektion erteilt.

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