Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Der zweite Missbrauch

Es ist nur schwer abzuschätzen, was die jahrelange Einmauerung für Natascha Kampusch bedeutet. Es ist - trotz ihres Briefes - zweifellos ein Glück, dass sich ihr Entführer selbst gerichtet hat. Denn so bleiben ihr Gegenüberstellungen, gerichtliche Aussagen über intimste Details und die Auseinandersetzung mit Lügen des Täters erspart. Der hätte wohl versucht, das üble Rollenspiel fortzusetzen.
Eine Katastrophe ist es dennoch, was sich jetzt um die junge Frau abspielt, und wie viele Institutionen und Medien versuchen, mit ihr Publicity und/oder Geschäfte zu machen. Sofort hat sich die Polizistin, der sich Kampusch als erste geöffnet hatte, in einem unguten Vertrauensbruch ins Fernsehen gesetzt und Details erzählt. Das gleiche tat kurz darauf die Wiener Jugendanwältin.

Jeder Psychologe/Psychotherapeut/Psychiater, der das Opfer zu Gesicht bekommen hat, geht damit publicitygeil in die Öffentlichkeit, erhöht letztlich auf ihre Kosten den eigenen Marktwert. Von deren Kollegen ganz zu schweigen, die Weises von sich geben, ohne Kampusch auch nur gesehen zu haben. Zu schweigen ist auch von den Eltern, die ihren Scheidungskrieg selbst jetzt nicht überwinden können. Die Boulevard-Medien machen einen unerträglichen Lizitations-Wettlauf um Interviews mit ihr und um Bilder von ihr. Und nun hat die SPÖ sogar versucht, durch Spendeninserate die Causa parteipolitisch zu instrumentalisieren.
Noch aber gibt es eine kleine Chance für das Mädchen. Noch ist ihr Foto nirgendwo abgebildet, noch kann sie unerkannt durch die Straßen gehen, noch ist sie nicht ganz zum Objekt irgendeines (oder mehrerer) Therapeuten geworden, noch ist kein Boulevard-Medium mit "dem" großen Exklusiv-Interview erschienen. Sobald dieser Schleier gefallen ist, wird Kampuschs Leben zweifellos ein zweites Mal beschädigt, wird in der schmierigen Welt von Publicity-Geilheit und Geschäftemacherei ein zweiter Missbrauch passiert sein, wird sie zwischen anschmeißerischer Schickeria und kollektivem Voyeurismus aufgerieben werden.

Wenig Hilfe kommt von den Mediengesetzen. Denn dieses Werk (auf das Christian Broda so stolz war) bietet zwar Verbrechern viel, nein:
zu viel Schutz gegen Berichterstattung, Opfern aber zu wenig. Vor allem wenn sie unerfahren sind.

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