DER STANDARD - Kommentar "Glaube ist nicht verhandelbar" von Christoph Prantner

Die Theologisierung der Politik schränkt deren Spielraum gefährlich ein

Wien (OTS) - Was können wir beobachten, die Retheologisierung der Politik oder die Instrumentalisierung der Religion durch die Politik? Die Frage scheint irgendwie so zeitlos wie akademisch. Was immer zutrifft (vielleicht auch beide Positionen), die Religion spielt in diesen Tagen zweifellos eine wichtigere Rolle in der Politik, als sie es in jüngerer Vergangenheit getan hat. Die Menschen laborieren an einer gleichzeitig globalisierten und fragmentierten Welt. Gewissheiten - zumal letzte - sind rar. Und dass Religionen diese bieten, ist so klar wie der Umstand, dass Politiker sich den Glauben der Menschen zunutze machen, um sie für den eigenen Zweck einzuschwören.
Was der Debatte diesmal allerdings eine andere Dimension verleiht, ist, dass Politiker neuerdings ihre religiöse Rhetorik tatsächlich auch selbst zu glauben scheinen. Und daraus ergeben sich brandgefährliche Konsequenzen.
Wenn etwa Ronald Reagan in den 1980er-Jahren vom "Reich des Bösen" sprach und erklärte, "wir mögen die erste Generation sein, die Armageddon sehen wird", klang das wie eine gut intonierte Floskel des Schauspielerpräsidenten. Das "God bless America" des wiedererweckten Christen George W. Bush dagegen ist offensichtlich so ernst gemeint, wie sein blutiges Vorgehen gegen einen Teil der "Achse des Bösen" im Irak.
Auch der Eifer, mit dem der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad gegen die Ungläubigen wettert, und seine antisemitischen Ausfälle sind nicht gespielt - genauso wenig die Weltsicht der Führer der Hisbollah und Hamas, die in den USA das Böse sehen, Gottesstaaten errichten und Israel vernichten wollen. Im Gegenteil: "Weil sie keinen anderen Weg für legitime Kritik am westlichen Modell gefunden haben, benützen viele Menschen im Nahen Osten die Religion dafür", erklärte die französische Philosophin Chantal Mouffe in Alpbach. Die Folgen seien islamistischer Fundamentalismus, letztlich Al-Kaida und der Terrorismus.
Religiöse Moral operiert stets mit dem Begriffspaar Gut und Böse. Dazwischen hat kein Kompromiss Platz. Tauschgeschäfte mit religiösen Werten sind nicht zu machen, im Gegensatz zu Interessen aller Art ist der Glaube nicht verhandelbar. Er ist absolut. Der Spielraum für eine Politik, die mit moralisch-religiösen Versatzstücken argumentiert, ist minimal.
Wie mit der Hisbollah, der Partei Gottes, oder der Hamas zum Beispiel ein Frieden in Nahost zu erreichen sein kann, ist nicht zu sehen. Oder: Die Iraner lehnten im Atomstreit unlängst ein sehr großzügiges Angebot der internationalen Gemeinschaft ab, weil sie offenbar nicht nach ihren ökonomischen Interessen handelten, sondern nach den festen Plänen, zur regionalen Atommacht aufzusteigen und damit letzten Endes eine aus der Religion postulierte Gefahr für Israel zu werden. Bedeutet das, dass ein "dritter Weltkrieg", wie ihn der unlängst wieder aus der Versenkung aufgetauchte, kreuzkonservative ehemalige Sprecher des US-Repräsentantenhauses Newt Gingrich schon toben sieht, unausweichlich ist? Müssen wir uns auf eine Art dreißigjährigen Krieges mit dem Islam einstellen, der letzten Endes nur Verwüstung auf allen Seiten hinterlassen wird? Nicht zwangsläufig.
Mit Doomsday-Szenarien und Armageddon wird schon geraume Zeit Politik gemacht. Eingetreten sind sie nie. Aus der Aufklärung ist zu lernen, dass die Vernunft noch immer das beste Mittel gegen religiösen Eifer - in der Politik und anderswo - ist. Das kann nur heißen, dass es beinahe eine Pflicht für jeden kritischen Menschen gibt, ohne müde zu werden, darauf hinzuweisen, wo Religion für politische Zwecke eingesetzt wird. Genauso können Gläubige (und vor allem die Vertreter der Glaubensgemeinschaften) nicht hinnehmen, dass ihre Religion in irgendeiner Weise missbraucht wird.
Damit mögen die religiösen Fundamentalisten auf allen Seiten nicht zu überzeugen sein. Aber es reicht, wenn die Menschen ihnen die Unterstützung entziehen und sie aus politischen Ämtern jagen.

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