"Die Presse" Leitartikel: Unsere Parteien - eher modrig als modern (von Oliver Pink)

28.08.2006

Wien (OTS) - Auch junge Menschen haben ein Wahlrecht.
Aber haben sie hierzulande auch eine Wahl?

HC Strache rappt. Alfred Gusenbauer posiert mit Jugendlichen auf Plakaten. Wolfgang Schüssel ebenso. Und Karl-Heinz Grasser wird wohl bald wieder in irgendeiner Disco Cocktails mixen. Doch wie modern sind die wahlwerbenden Parteien wirklich? Wie "jung" deren führende Repräsentanten?
Gemeinhin gelten die Grünen als die jugendlichste Partei. Und tatsächlich strahlt das Führungs-Duo Alexander Van der Bellen/Eva Glawischnig durchaus (linksliberale) Modernität aus. Doch wer schon einmal auf einer grünen Parteiveranstaltung, Basis-Kontakt inklusive, war, wird bemerkt haben, wer dort nach wie vor den Ton angibt: Die "Müsli-Fraktion", die Dritte-Welt-Retter, all jene Lässigkeits-Linken der 68er- und 78er-(Zwentendorf-)Generation und deren nervige Epigonen, die stets alles besser wissen und sich allen anderen moralisch turmhoch überlegen fühlen. Und das ist eigentlich die Welt von gestern. Zumal die Grünen auch noch eine Parlamentsfraktion Marke Methusalem haben.
Ähnlich verhält es sich mit der Kanzler-Partei. Auch die ÖVP versuchte in den vergangenen Jahren, sich ein modernes Image zu verpassen. Vor allem seit der quirlige Reinhold Lopatka in der Lichtenfelsgasse als Generalsekretär werkt. Gelungen ist das nur zum Teil. Denn da ist nicht nur Elisabeth Gehrer. Sondern auch die Krux mit der Kirche. Die Nähe zu dieser, das klerikal-konservative Weltbild vieler Funktionäre der Volkspartei wirkt nicht gerade anziehend auf junge, liberale, moderne Menschen. Vor allem in den Städten nicht. Dazu kommt, dass sich nicht nur im Dritten Lager, sondern auch im Umfeld der ÖVP anachronistische Polit-Folklore-Organisationen tummeln wie etwa der Cartell-Verband. Dessen spätere Exponenten man schon in der Schule für eher seltsam beziehungsweise karrieregeil hielt. Jetzt hat der CV unter Parteichef Wolfgang Schüssel zwar weniger mitzureden als dies traditionell in der ÖVP der Fall war, im Wahlkampf 2002 kam dennoch kaum eine ÖVP-Veranstaltung ohne die peinlichen "Pro Patria"-Schilder der CVler aus.

Dann hätten wir da noch die ausgewiesene Rentner-Gang SPÖ. Bei der roten Auftaktveranstaltung in der Wiener Stadthalle am Freitag war der Saal zwar zum Bersten voll, aber kaum jemand unter 30 hatte sich dorthin verirrt. "Die Edlseer", "Opus" und Alfred Gusenbauer sind halt nicht Robbie Williams. Jetzt ist es zwar löblich, dass Kanzlerkandidat Gusenbauer die Jugendarbeitslosigkeit um die Hälfte reduzieren will. Aber es wird nicht viel nützen: Der Sozialdemokratie fehlt einfach der politische Sex-Appeal wie sie ihn noch unter Bruno Kreisky oder in den frühen Vranitzky-Jahren hatte. Wobei sich die heutigen Genossen davor hüten sollten, die Inhalte von damals zu kopieren. Die waren nämlich damals modern, sind heute aber unrettbar "retro".
Am jugendlichsten von allen Spitzenkandidaten wirkt noch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Schließlich rappt er ja jetzt auch. Durchaus mit Selbstironie ("Diesmal ist der Text bestimmt von mir"). Doch das Problem an Strache ist nicht, wie er rappt, sondern was er rappt:
"Wer sich nicht integrieren will, für den hab' ich ein Reiseziel: Ab die Heimat! Guten Flug! Arbeitslose haben wir hier selbst genug!" zum Beispiel. Und ideologisch ist die FPÖ sowieso von vorgestern. "Jung, modern und freisinnig", wolle das BZÖ sein, ließen 2005 die orangen Gründer-Väter verlauten. Doch allein Jörg Haiders Ortstafel-Zirkus und Peter Westenthalers Ausländer-raus-Programm können einen halbwegs weltoffenen Mitteleuropäer nur erschaudern lassen. Und wenn Haider, Dolinschek und Co. - wie beim BZÖ-Wahlkampfstart am Samstag -im knallorangen Leiberl herumhopsen, dann ist das nicht jugendlich, sondern kindisch.
Über die auch noch bundesweit antretende Liste Hans-Peter Martin und die KPÖ braucht man nicht allzu viele Worte zu verlieren. Ein querulantischer Eigenbrötler und die Verfechter einer Ideologie, die von der Geschichte längst widerlegt wurde, haben auf heutige Jugendliche wohl eine ähnliche Anziehungskraft wie Connie Froboess und Peter Kraus.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist also ebenso schlicht wie bedauerlich: Wirklich modern und jung ist in Österreich keine Partei. Also werden sich die Wähler unter 30 damit begnügen müssen, das für sie geringe Übel wählen. Die ÖVP trotz Klerikalen-Flügel, die Grünen trotz Fundi-Flügel, die SPÖ trotz Betongewerkschafts-Flügel... Und irgendwie sind die Jungen ja selbst auch ganz schön opportunistisch. Denn sie finden sich zumeist im Lager des Siegers ein. 1999 stand Jörg Haider am Zenit seiner Karriere - das Gros der jungen Wähler hatte ihn dorthin begleitet. Um dann 2002 zu Wolfgang Schüssel überzuwechseln.
Wie das wohl 2006 sein wird?

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