"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Fitness der Bürger wird zur Herausforderung für den Staat" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 26.08.2006

Graz (OTS) - Da ist er also wieder, der Streit um die Finanzierung des Gesundheitssystems. Die Rollen sind verteilt: Die Opposition schlägt Alarm und warnt vor Horror-Defiziten in den Krankenkassen. Die Regierung beschwichtigt, so lange und so gut es geht.

Die Wahrheit ist: Den Kassen stehen schwere Belastungen bevor - nicht nur in Österreich, sondern in vielen Ländern. Die gröbsten Mängel betreffen nicht die Heilbehandlung, sondern Vorsorge und Vermeidung von Krankheiten. Beispiel Fettsucht: Sie wird in der westlichen Welt zur unfinanzierbaren Epidemie.

In den USA hat jedes zehnte Kleinkind Übergewicht, in England sind 14 Prozent der Kinder krankhaft fett. In Österreich wird kommenden Dienstag der erste Adipositas-Bericht mit erschreckenden Zahlen vorgelegt. Inhalt: Fünf bis elf Prozent der Buben sowie drei bis vier Prozent der Mädchen sind krankhaft fettsüchtig.

Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm, die Gesundheitssysteme werden die Last dieses Lasters nicht tragen können. Zu finanzieren sind:
Diabetes, Gefäßkrankheiten, Krebs. Von psychischen Problemen und "Pflegenotstand" als Spätfolge ganz zu schweigen. Trotzdemgibt es hier keine politische Debatte. Der Staat scheitert planmäßig an diesem Thema. Wie man selbst lebt und wie man seine Kinder ernährt, gilt als Frage des persönlichen Lebensstils und damit als Privatsache.

Das ist einerseits gut so, denn niemand kann sich wünschen, dass der Staat in den Alltag der Bürger mehr als nötig eingreift. Auf der anderen Seite steht der Befund der Weltgesundheitsorganisation, wonach Fettsucht eine "chronische Krankheit mit hohem Mortalitätsrisiko" sei. Wenn sich eine so ernste Krankheit so rasch ausbreitet, dann ist gesellschaftliches, also politisches Handeln nötig.

Der Haken: Man kann zwar durch löbliche Ernährungs- und Bewegungsinitiativen die Probleme bewusst machen. Doch die Wirklichkeit wiegt buchstäblich schwerer. Bewegung ist aus dem Alltag vieler Erwachsener und Kinder völlig verschwunden. Die Ernährung steht im Bann der Genussmittelindustrie, die mit hanebüchernem Unsinn wirbt - von "gesunden" Schokoriegeln bis zu "vitaminreichen" Zuckerln.

In England, wo gerade ein Fitness-Ministerium gegründet wurde, droht Tony Blair jetzt der Junk-Food-Industrie mit Werbeverboten. In den USA diskutieren Fachleute eine "Kaloriensteuer" für Softdrinks. Solche Zwangsbeglückung ist schlecht. Aber auch in Österreich wird man über Maßnahmen reden müssen, wenn das Maßhalten so ganz und gar nicht gelingen will. ****

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