DER STANDARD - Kommentar "Doch noch ein Kanzlerduell" von Michael Völker

Und warum sich SPÖ und ÖVP darüber freuen und die Grünen daran verzweifeln

Wien (OTS) - Ungeachtet der Aufregung um Natascha Kampusch, die
acht Jahre nach ihrer Entführung wieder aufgetaucht ist, ungeachtet auch der medialen Aufmerksamkeit, die ganz dem spektakulären Kriminalfall gilt und die heimische Innenpolitik zu einer Zweit- oder Drittmeldung macht, findet Wahlkampf statt. Und er steuert unerbittlich seiner heißen Phase zu, den letzten Wochen, die alles entscheiden werden.
Angeblich gibt es bis zu zwei Millionen Unentschlossene, die noch nicht wissen, welche Partei sie wählen sollen - oder ob sie überhaupt wählen sollen. Das ist ein Viertel bis ein Drittel aller Wahlberechtigten.
Also könnte es noch spannend werden. Vor allem auch, weil laut jüngster Umfragen der Abstand zwischen ÖVP und SPÖ schrumpft. Darüber sind zwei Parteien glücklich: ÖVP und SPÖ. Für die Grünen ist es hingegen ein Desaster, wenn der Endspurt des Wahlkampfs doch noch auf ein Kanzlerduell hinausläuft.
Die ÖVP hatte schon die längste Zeit ein Mobilisierungsproblem, sowohl was ihre Funktionäre als auch was Vielleicht-Wähler betrifft. Der satte Vorsprung, der in den Umfragen schon einmal ganze sechs Prozent ausgemacht hat, lähmte den eigenen Apparat, der sich ganz auf Wolfgang Schüssel verließ, und die Arbeit, das "Rennen", nahezu ein-stellte. Von einem allzu hohen Niveau in den Umfragen kann man meist nur abstürzen. Auf die potenziellen Wähler umgelegt: Wo bleibt die Motivation, den haushohen Favoriten zu wählen, wenn es ohnedies die anderen tun?
Für die SPÖ stellt es sich seitenverkehrt dar: Das Rennen schien schon verloren. Selbst die eigenen Funktionäre hatten resigniert. Nicht einmal die Spitzenrepräsentanten strahlten noch Zuversicht aus. Wozu anstrengen in einem Rennen, das schon verloren ist? Wozu den sicheren Zweiten wählen, wenn der mögliche Dritte vielleicht mehr mit der Stimme anfangen kann? Wie reizvoll ist es, sich auf die Seite des Verlierers zu schlagen? Nicht sehr.
In den letzten Tagen hat sich die Stimmung gedreht. Die SPÖ verspürt wieder Aufwind. Alfred Gusenbauer ist aus den Bergen herabgestiegen und kämpft. Die eigenen Leute glauben wieder an eine Chance. Ein Rückstand von zwei, drei Prozent ist nicht unaufholbar.
Dass die SPÖ noch Erste werden könnte, für diese Einschätzung wurde man vor einem Monat, am Höhepunkt des Bawag-Debakels, ausgelacht. Jetzt frohlocken die SPÖ-Strategen, dass man ein Kanzlerduell ausrufen kann, ohne sich dabei komplett lächerlich zu machen. Die Bawag ist zurzeit kein Thema in der Innenpolitik. Selbst die ÖVP schickt nur Unterläufel aus, den ÖGB - und damit indirekt die SPÖ -mit der Affäre zu behelligen.
Was der ÖVP wirklich wehtut: Dass der Kanzler in seinen persönlichen Werten abgestürzt ist und in den vergangenen Tagen an Sympathie verloren hat. Gerechterweise muss man sagen, dass Schüssel allerdings immer noch deutlich vor Gusenbauer liegt.
Die wirklich warmherzige Figur war Schüssel ja nie. Jetzt haben ihm die Niederlage im ORF und die Debatte über den angeblich nicht vorhandenen Pflegenotstand zugesetzt. Dass die schwarze Allmacht wenigstens im ORF durchbrochen wurde, muss der ÖVP nicht zwangsläufig schaden. Dass Schüssel, sonst der kühle Stratege, aber sowohl die Situation im ORF als auch die Bedeutung des Pflegethemas völlig falsch eingeschätzt hat, schadet seinem Ruf als souveräner Kanzler, auf den man sich verlassen kann.
Besonders schwierig ist die Lage für die Grünen, die sich die längste Zeit an einer schwächelnden SPÖ erfreuen konnten. Eine Ausgangssituation, in der die ÖVP als sichere Erste feststünde, hätte beste Chancen geboten. Die Grünen hätten sich als Alternative zur SPÖ positionieren und die Frage lancieren können, wer denn als Juniorpartner der ÖVP in einer Regierung mehr entgegenzusetzen hätte. In einem Kanzlerduell, in dem es um eine echte Wende geht, haben sie allerdings nicht viel zu melden. Sie drohen aufgerieben zu werden.

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