AK: Berufsbildende Schulen stoßen jährlich 20.000 Schüler ab

IHS-Studie: 50.000 Schüler beginnen diesen Herbst, aber 20.000 werden abprallen, wenn das Schulsystem nicht verbessert wird - AK fordert Schulreform

Wien (OTS) - Rund 50.000 Mädchen und Burschen starten demnächst an einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule (BMS oder BHS). Doch wenn das Schulsystem nicht schleunigst verbessert wird, werden 20.000 von ihnen - also 40 Prozent - diese begonnene Ausbildung nicht abschließen, zeigt eine IHS-Untersuchung. Die Ursachen: zu viele Schüler pro Klasse, zu wenig individuelle Unterstützung für die Mädchen und Burschen, zu wenig Laufbahnberatung und Berufsorientierung. "Das muss sich ändern. Die Fähigkeiten und Begabungen dieser Mädchen und Burschen werden gebraucht. Österreich muss endlich ein besseres Bildungssystem bekommen, das allen Jungen faire Chancen gibt", fordert Johanna Ettl, stellvertretende Direktorin der Arbeiterkammer Wien (AK). Die AK fordert eine umfassende Schulreform: 4.000 zusätzliche Plätze an den berufsbildenden Schulen und die Einführung eines Kurssystems in der Oberstufe, sodass besondere Begabungen gefördert und Lernschwächen aufgeholt werden können. Die AK verlangt auch, dass die gesetzliche Klassenschülerhöchstzahl im ersten Schritt eingehalten und in Folge gesenkt wird. In der Mittelstufe soll es eine bessere Berufs- und Bildungswegorientierung geben. Wer einen Fünfer im Zeugnis hat, soll automatisch aufsteigen können - mit einem individuellen Förderkonzept, damit das Erreichen des Klassenziels sichergestellt ist.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat im Auftrag der Arbeiterkammer die aktuellste Schulstatistik (2002/03) untersucht. Das Ergebnis: Die Handelsakademien (HAK) verlieren 37 Prozent jedes Jahrgangs, die Höheren Technischen und Gewerblichen Lehranstalten (HTL) verlieren gar 42 Prozent. Die dreijährigen Handelsschulen verlassen 38 Prozent der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss, und bei den vierjährigen gewerblich-technischen Fachschulen sind es 41 Prozent.

Besonders groß ist die Verlustrate nach der ersten Klasse: Von den AnfängerInnen in berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMS und BHS) fliegen 21 Prozent am Ende des ersten Jahres raus, also jede/r Fünfte - in Summe rund 10.000 Jugendliche pro Jahr. "Das Rausprüfen am Ende des ersten Jahres dient dazu, die Zahl der Schülerinnen und Schüler pro Klasse zu reduzieren - doch das ist der falsche Weg", kritisiert Ettl.

Dass die Klassenschülerzahlen einen starken Einfluss auf die Verlustraten haben, zeigt der Vergleich zwischen den allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) und den berufsbildenden (BMS und BHS): In den AHS, wo es weitaus weniger Schulklassen mit 36 und mehr SchülerInnen gibt, liegt die Verlustrate nur bei 23 Prozent - in den berufsbildenden Schulen beträgt sie hingegen rund 40 Prozent. In Österreichs berufsbildenden Schulen gab es im Jahr 2002/03 insgesamt 245 Klassen mit 36 oder mehr Schülerinnen und Schüler - aber "nur" 60 Klassen dieser Größe in den allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS).

Bei so hohen Klassenschülerzahlen bleibt die individuelle Förderung für Jugendliche auf der Strecke, besonders für jene, die Umstiegsprobleme von der Hauptschule auf eine berufsbildende Schule haben. Die hohen Verlustraten in den ersten Klassen der berufsbildenden Schulen wirken sich wiederum auf den Lehrstellenmarkt aus, die SchulabbrecherInnen drängen auf die wenigen Lehrstellen und verschlechtern dadurch die Chancen für AbgängerInnen der Polytechnischen Schule oder der Hauptschule. Der hohe Bildungsabbruch in den berufsbildenden Schulen trägt dazu bei, dass von den 20- bis 29-Jährigen fast jede/r Fünfte keine Ausbildung abgeschlossen hat, die über die Pflichtschule hinausgeht.

"Die Jungen brauchen faire Chancen, eine Ausbildung zu machen -dafür muss das veraltete Bildungssystem endlich verbessert werden", fordert Ettl. Die AK bemängelt auch, dass das Bildungsministerium die Schulstatistik seit 2002 nicht aktualisiert hat: "Diese Zahlen und Fakten wären die Basis für eine vernünftige Bildungspolitik", so Ettl.

Die AK verlangt eine umfassende Schulreform. Um die Verlustraten zu senken, will die AK:

+ in einem ersten Schritt soll die gesetzliche Klassenschülerhöchstzahl von 30 SchülerInnen pro Klasse eingehalten und in einem weiteren Schritt gesenkt werden,
+ 4.000 neue Ausbildungsplätze an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMS und BHS),
+ mehr praxisorientierte Angebote für Jugendliche mit besonderer Begabung in diesem Bereich,
+ eine bessere Berufs- und Bildungswegorientierung in der Mittelstufe, damit die Jugendlichen eine breitere Berufsauswahl treffen,
+ die Rücknahme der Reduzierung der Schulstunden in den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen, insbesondere mehr Allgemeinbildung und mehr Förderunterricht,
+ die Einführung eines Kurssystems in der Oberstufe, so dass besondere Begabungen gefördert und Lernschwächen aufgeholt werden können,
+ sozialpädagogische Betreuung in der schulischen Ausbildung, damit nicht bei persönlichen Problemen die Ausbildung abgebrochen wird,
+ ein automatisches Aufsteigen mit einem Nicht Genügend und ein individuelles Förderkonzept.

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