"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Betroffenheit, wenn das Böse vor der Haustür steht" (Von Bernd Melichar)

Ausgabe vom 25.08.2006

Graz (OTS) - Es lebt also, dieses Mädchen, das als Volksschülerin spurlos verschwunden und jetzt als junge Frau wieder aufgetaucht ist. In Schottergruben hat man nach ihr gegraben, die Eltern verdächtigt, ein Richter fühlte sich bemüßigt, private Nachforschungen zu betreiben, ein Privatdetektiv spielte sich als Local Hero auf. Alle hatten sie Unrecht. Natascha lebt! Was ihr angetan wurde, wissen wir noch nicht. Aber wir wissen: Mitten unter uns ist es passiert! Und das beunruhigt. Uns alle.

Das Böse hat seinen reizvollen 20.15-Uhr-Glamour, wenn es aus dem Fernsehapparat kriecht. Dann wissen wir, dass Tom Hanks vermutlich der Gute und Dennis Hopper erwartungsgemäß der Böse ist. Opfer lebt, Täter tot, alles klar, Apparat aus, gute Nacht.

Passiert das Böse vor unseren Augen, in Strasshof, Niederösterreich, dann mischt sich in die plötzlich auch geografisch nahe Bedrohung und Betroffenheit eine persönliche Scham und reflexhafte Selbstbezichtigung: Wie konnten wir so etwas zulassen? Warum haben wir so etwas nicht verhindert? Wie konnte uns so etwas passieren?

Vor unserer Haustür!

Mag schon sein, dass unser Zusammenleben zunehmend anonym und kaltherzig wird. Jetzt droht allerdings die Gefahr, dass die spontane Selbstbezichtigung in den kollektiven Selbstbetrug mündet. Hand aufs Herz: Wissen Sie, was Ihr Nachbar in seiner Garage treibt? Ob er ein Guter ist - und dort Autos repariert. Oder ein Böser - der Menschen beschädigt. Franz Fuchs bastelte in seinem Zimmer Briefbomben. Nebenan fanden fröhliche Straßenfeste statt. Jack Unterweger erdrosselte weltweit Frauen. Gleichzeitig ging er bei der Polizei ein und aus. Die Terroristen von 9/11 (auch und in erster Linie Kriminelle) planten die Zerbombung der westlichen Welt. Nebenbei plauderten sie mit Kollegen in der Kantine der Hamburger Uni. Und der Entführer von Natascha Kampusch mag ein sozialer Autist gewesen sein. Sieht man aber sein Foto, geht er als netter Gebrauchtwarenhändler durch.

Sicher, es gibt in diesem Fall auch ein großes, berechtigtes "Warum". Warum hat die Polizei den frühen Hinweis auf den Täter nicht im Auge behalten und den Mann in "Cold Case"-Manier noch einmal überprüft? "Cold Case", "Kalte Fälle", so heißt übrigens auch eine aktuelle Fernsehserie.

Himmel und Hölle, das ist der Name eines Kinderspieles, das vielleicht auch Natascha Kampusch einmal gespielt hat. In der Hölle war sie, den Himmel auf Erden würden wir ihr gerne wünschen. Nur es gibt ihn in dieser Welt nicht. ****

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