"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Globalisierung hautnah" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 25.08.2006

Wien (OTS) - Tag für Tag wird deutlicher, was wir in Österreich der Osterweiterung verdanken: Banken und Versicherungen verdienen sich dank niedriger Arbeitskosten und gewaltigem Nachholbedarf in den zentral- und osteuropäischen Ländern goldene Nasen; heimische Finanzinvestoren kaufen sich großflächig in Wohnbau-Immobilien ein und versprechen ihren Aktionären Eigenkapitalrenditen von "deutlich über 20 Prozent".
Das ist die industrielle Seite der Ostöffnung, von der vor allem jene Unternehmen profitieren, die schnell auf die sich bietenden Chancen reagiert haben. Es gibt aber auch einen quasi privaten Aspekt:
Tschechische und slowakische Helfer(innen) arbeiten um Mini-Löhne in österreichischen Familien. Damit bewahren sie uns vor dem sonst unvermeidlichen Pflegenotstand.
Auch das ist Globalisierung, wenn auch nur im Umkreis von wenigen hundert Kilometern und damit in relativ kleinem Rahmen. Wir profitieren davon, und unsere Nachbarn sind trotzdem keineswegs die Verlierer. Lebensstandard und Einkommen wachsen rasant, neue Arbeitsplätze werden geschaffen. Wollen wir da wirklich dagegen sein? Und die zu Recht angeprangerte Umweltzerstörung in der Dritten Welt, die Kinderarbeit und Niedrigstlöhne, also die wirklich negativen Folgen der weltweiten Globalisierung? Wir prangern sie an und fördern sie zugleich durch die allenthalben grassierende "Geiz-ist-geil-Mentalität". Sie zwingt Manager von Handelsketten, beim Einkauf um jeden Cent zu feilschen und sie veranlasst Industriekonzerne zur Verlagerung der Produktion in Billigstlohnländer.
Einhalt geboten werden kann Umweltzerstörung und Ausbeutung nur durch weltweit geltende Standards. Das ist aber derzeit Illusion und wird wohl auch immer Illusion bleiben. In Zentral- und Osteuropa wird sich das Problem bald lösen: Wenn es dank unserer Investitionen mehr sichere Arbeitsplätze gibt, steigen die Löhne und auch die Ansprüche der Bevölkerung an eine saubere, lebenswerte Umwelt.
Die Politik wird darauf reagieren müssen - und wir werden zu jammern beginnen, dass die schöne Zeit der niedrigst entlohnten Heim- und Pflegehelfer(innen) und der Billigproduktion in nächster Nachbarschaft vorbei ist. Im Gegenzug wird sich die dortige Bevölkerung dann zunehmend unsere teuren Luxusprodukte leisten können und wollen und auf diese Weise auch in Österreich Arbeitsplätze sichern.
Wir können die Globalisierung nicht verhindern, ja nicht einmal wirksam bremsen. Am Beispiel der neuen EU-Mitglieder in unserer unmittelbaren Nachbarschaft erleben wir aber hautnah, wie beide Seiten davon profitieren können.

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