"Kleine Zeitung" Kommentar: "Pflegenotstand: Fehlendes Geld und schlechtes Gewissen" (Von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 24.08.2006

Graz (OTS) - Da hat es beide erwischt, den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten, in Sachen Pflege. Und eigentlich ist es gar keine Häme, die da angebracht ist, sondern fast so etwas wie Erleichterung:
Selten wissen die allerhöchsten Spitzen eines Staates so gut Bescheid, wenn es um die Probleme der ganz kleinen Bürger in ihrem Lande geht, wie offenkundig in diesem Fall.

Die meisten Normalbürger plagt tatsächlich das Geld. Auch gut verdienende Familien können sich die Rundum-Pflege von Angehörigen durch qualifiziertes Personal schlicht nicht leisten. Die Unterbringung im Heim ist oft keine Alternative, weil in den meisten Fällen nicht nur auf das Erbe, sondern auch auf das Familieneinkommen der Kinder voll zugegriffen wird.

Dazu kommt vor allem aber auch das schlechte Gewissen. Man will seine Liebsten ja gar nicht abschieben ins Heim. Und in den seltensten Fällen streben diese selbst dorthin. Die 24-Stunden-Pflege ist jedoch unter hiesigen Verhältnissen auch zu teuersten Tarifen kaum zu haben, würde sie doch unter normalen Beschäftigungsverhältnissen den Dreischicht-Betrieb bedeuten.

Und das wäre in den meisten Fällen schlicht übertrieben. Viele Betroffene brauchen keine Krankenschwester mit Spezialausbildung, die rund um die Uhr die Lebensfunktionen kontrolliert, sondern sie brauchen jemanden, der ihnen hilft, auf die Toilette zu gehen, der ihnen Injektionen setzt, der sie umlegt, damit sie keine offenen Wunden bekommen, und nebenbei vielleicht auch noch die Wohnung sauber macht. Keine Dauertätigkeit rund um die Uhr, sondern die Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Drei Fälle aus dem Bekanntenkreis: ein Grazer Pensionist nach einer Krebsbehandlung, der Sohn lebt in Wien. Die Mutter eines oststeirischen Gastwirteehepaars, gehunfähig wegen eines Oberschenkelbruchs. Eine querschnittgelähmte Frau aus Klagenfurt, der die sie versorgende Mutter starb. Drei Menschen, die zu Hause leben wollten und die es nur schafften, weil Frauen aus Ungarn sie über Monate hinweg betreuten.

Das Versagen des Kanzlers liegt darin, dass er das Problem aus der Hektik des Wahlkampfs heraus vom Tisch wischen wollte. Darin, dass es ihm nicht gelungen ist, liegt die Chance, sich in dieser Grundfrage endlich Lösungen anzunähern: Helferinnen und Helfer, für die das wenige Geld, das die Betroffenen aufwenden können, schon viel Geld ist, zu legalisieren. Und eine Pflegeversicherung als Pflichtversicherung zu installieren, die auf Sicht auch teurere Lösungen möglich macht.****

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