"DER STANDARD"-Kommentar:"Das verborgene Pflegeheer" von Lisa Nimmervoll

Pflege als "Strafjob" ist Unsinn, echten Pflegenotstand verhindern (noch) die Frauen - Ausgabe vom 24.8.2006

Wien (OTS) - Meine Schwiegermutter wurde von einer illegalen slowakischen Pflegerin betreut? Aha. Fragen Sie meine Schwägerin, die hat sich damals um die Pflege gekümmert. Sagte der Bundeskanzler. Mein Vater wurde von einer illegalen slowakischen Pflegerin betreut? Tja. Fragen Sie meine Schwester, die hat den Haushalt geführt und die Pflegerin aufgetrieben. Ließ der Bundespräsident ausrichten. Fällt etwas auf? Pflege ist offenbar Frauensache. Und illegale Pflegehilfe selbst in "besser situierten" Kreisen gang und gäbe. Zwei Sittenbilder von der Spitze des Staates, die für die Pflegeproblematik in Österreich symptomatisch sind. Pflege wird abgeschoben. Verdrängt. Delegiert. An Illegale. Und an Ehefrauen, Schwestern, Töchter, Schwägerinnen. Die können das am besten. Die Pflege ist weiblich. Die Männer kümmern sich um die große Politik -und wundern sich dann, wenn es einen Aufschrei gibt, wenn Kanzler Wolfgang Schüssel als nationale Losung ausgibt: "Es gibt sicher keinen Pflegenotstand."
Nun, der konnte im Hause Schüssel oder Fischer, aber auch bei Kukackas, Einems und in vielen anderen österreichischen Familien durch die "illegalen" guten Geister aus den östlichen Nachbarländern vielleicht individuell entschärft werden, aber das Thema Pflege an sich ist damit nicht gelöst. Die Lebensrealität in vielen österreichischen Familien und die entsprechenden Gesetzesregelungen zwingen tagtäglich Menschen zu illegalen Aktionen.
Der gönnerhafte und rechtsstaatlich problematische Vorschlag von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, Leute, die im Graubereich Rund-um-die-Uhr-Personal zu menschenverachtenden Bedingungen "zukaufen" - und sei es aus einer eigenen Notlage heraus -, nicht zu bestrafen, sondern nur abzumahnen, ist eine Zumutung für jeden, der von dieser Pflegehilfe abhängig ist. Diese Menschen brauchen Lösungen. Nachhaltige, legale, qualitativ hochwertige.
Ein Vorschlag, der das sicher nicht leisten kann, ist der absurde Plan, arbeitsunwillige Arbeitslose quasi "zur Strafe" zum Pflegedienst abzustellen. Das hat den Hautgout, dass es in der sozialen Hierarchie des Arbeitsmarktes etwas ganz unten Angesiedeltes gäbe, wohin besonders Unwillige strafversetzt werden könnten. Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl hatte ja gemeint, ein paar Monate im Pflegebereich "schaden niemandem". Dem Zwangspfleger vielleicht nicht unmittelbar, dem oder der Gepflegten mit höherer Wahrscheinlichkeit sehr wohl.
Dasselbe gilt für BZÖ-Chef Peter Westenthalers Idee, x-beliebige Arbeitslose mit einem Pflegejob zwangszubeglücken, oder zu meinen, Pflege-"Au-pairs" könnten echte Pflegeleistungen erbringen.
Es ist eine grobe Entwertung der Pflegearbeit, wenn man so tut, als könnte jeder sie leisten. Pflege setzt ganz spezielle Qualifikationen voraus. Qualifikationen, die anspruchsvolle Ausbildungen erfordern. Pflege braucht aber auch "soft skills", die zu diesem Beruf befähigen oder, wenn sie fehlen, ihn zu einem Desaster für beide - Pflegende und Pflegebedürftige - machen würden.
Pflegepersonen müssen Menschen mögen, müssen mit der Hinfälligkeit alternder oder versehrter Körper umgehen und Berührung zulassen können, sie brauchen Einfühlungsvermögen und vor allem Zeit. All das Arbeitslosen abpressen zu wollen ist undenkbar und eine Zumutung für alle Beteiligten.
Eine andere Zumutung in der laufenden Pflegedebatte, die fast nur um die (auch nur geschätzten) 40.000 illegalen Pflegerinnen kreist, ist die völlige Ignoranz gegenüber den 425.000 Angehörigen, vor allem Frauen, die das Gros der Pflege leisten. Fast die Hälfte ist daneben noch berufstätig. Was ist mit diesen Frauen, wenn sie selbst einmal alt und pflegebedürftig sind? Wer sichert sie ab, während sie ihre Angehörigen emotional und pflegerisch absichern?
Dieses weibliche, unbezahlte Pflegeheer leistet im Verborgenen "Dienst am Nächsten". Dort herrscht der wahre Pflegenotstand. Dort wird er jeden Tag neu bekämpft. Werte Politiker, fragen Sie ihre Frau, Schwester oder Schwägerin.

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