Vor der Wahl: Ärzteschaft für neue Wege in der Gesundheitspolitik (2)

Forderungskatalog an wahlwerbende Parteien

Wien (OTS) - Gefährliche Verknappung und würgende Bürokratie

Überzogene Vorgaben an die Spitäler könnten "zur Unterminierung" der stationären Grundversorgung führen. Das hätte zur Folge, dass zum Beispiel Geburten oder kleine Operationen bei Kindern nicht mehr im Regional-Krankenhaus durchgeführt werden könnten. Gleichzeitig hinken die Krankenkassen bei modernen medizinischen Leistungen nach. Dieser Modernisierungsstau und die mögliche Einschränkung bei Spitalsleistungen bedeuten eine Benachteiligung einkommens-schwächerer Schichten und längere Wege und Wartezeiten.

Bekannt ist die ungehemmte Bürokratisierung des österreichischen Gesundheitssystems, über die alle Ärztinnen und Ärzte - ob in Spital oder Ordination - klagen. Doch Leidtragende seien die Patientinnen und Patienten, denn es bleibe immer weniger Zeit für das ärztliche Gespräch und die Behandlung. Aktuelle Studien, wie zuletzt eine IFES-Umfrage unter Spitalsärzten, sprechen von einer weiteren Verschärfung dieses Problems. Demnach widmen Spitalsärztinnen und -ärzte bereits 34 Prozent ihrer Arbeitszeit der Administration und arztfremden Tätigkeiten, 60 Prozent der Turnusärztinnen und -ärzte halten sich eher für eine Sekretariatskraft als für Mediziner. Nicht viel anders sehe es in den Ordinationen aus, wo einsparungsgerichtete Reglementierungen, ausufernde Vorschriften und Kontrollen die Patienten immer mehr aus dem Zentrum des ärztlichen Handelns rücke.

Trend zu Defensiv- und Absicherungsmedizin

Zahlreiche Bestimmungen und politische Ambitionen würden die ärztliche Freiheit in Diagnose und Therapie "existenziell" beschränken. Ökonomie und haftungsrechtliche Konsequenzen gewinnen gegenüber der unmittelbaren Patientenhilfe immer größere Bedeutung. "Wir haben es mit einer Amerikanisierung und all ihren möglichen Patienten-schädigenden Folgen zu tun", so die ärztlichen Spitzenvertreter. Bekanntlich ist der haftungsrechtliche Spielraum in den USA so eng, dass viele lebensrettende oder Krankheits-mildernde Behandlungen wegen des damit verbundenen Risikos einfach unterbleiben oder durch aufwändige Diagnoseschritte mehrmals abgesichert werden. Das Ergebnis: Die USA hat das teuerste und unsozialste Gesundheitssystem. "Und dorthin wollen wir sicher nicht!"

Diese durch Bürokratisierung und Verrechtlichung zunehmend schwierigen Arbeitsbedingungen, die teilweise hochriskante Arbeitsbelastung in den Spitälern sowie steuer- und sozialrechtliche Benachteiligungen gegenüber anderen Berufsgruppen führen, so ÖÄK-Präsident Brettenthaler und Kurienchef Pruckner, zu einer besorgniserregenden Entmotivierung der Ärzteschaft, die dringenden Handlungsbedarf aufzeige.

Ausbildungskrise und drohender Qualitätsverlust

Wenn Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung zweckentfremdet eingesetzt würden und als Lückenbüßer für alle möglichen Hilfstätigkeiten fungieren, dann seien große Probleme schon vorprogrammiert. "Das österreichische Gesundheitssystem schlittert sehenden Auges in ein Qualitätsdilemma, sollte es nicht gelingen, die ärztliche Ausbildung grundlegend zu reformieren: Junge Medizinerinnen und Mediziner müssen Visiten machen, mit den Patienten arbeiten und nicht vorrangig Sekretariatsaufgaben oder Hilfstätigkeiten verrichten." Sonst seien sie mit ihren künftigen Aufgaben, die sie eigenverantwortlich in Spital oder Niederlassung zu bewältigen hätten, heillos überfordert. Und schließlich würden sich auch der "anhaltende Finanzierungsdruck sowie der Mangel an Personal, Struktur und Ausstattung im Gesundheitsbereich besonders negativ auf die medizinische Versorgung auswirken".

Vorsorge- und Pflegemanagement in ärztliche Hand

Brettenthaler und Pruckner legten ein ausdrückliches Bekenntnis zur Vorsorgemedizin und zur Primärprävention, d.h. Lebensstiländerungen im Risikobereich, ab. Österreichs Ärzte wollten nicht "Weltmeister" in irgendeiner Disziplin werden, das sei nicht die Sprache der Ärzte, sondern ihr Ziel sei, ihre Patientinnen und Patienten auch in Zukunft nach dem letzten Stand der medizinischen Wissenschaft in Diagnostik und Therapie zu betreuen.

Dies gelte auch für die in Diskussion gekommene Pflegesituation in Österreich. Die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten seien zu analysieren und zu ordnen. Dann seien nach diesen Bedürfnissen und nach dem objektiven Bedarf die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen. Auch hier gelte der Grundsatz, die Betreuung zu Hause vor einer Betreuung in Heimen oder anderen stationären Einrichtungen anzustreben- solange dies möglich sei.
In diesem Zusammenhang regte Brettenthaler an, den Bezug des Pflegegeldes ab Stufe 4 von regelmäßigen Besuchen und der Beobachtung der Pflege durch den Hausarzt abhängig zu machen. (Fortsetzung)

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