"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Iran kann völlig gefahrlos den USA die Stirn bieten" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 23.08.2006

Graz (OTS) - Ältere Herren sollen sich ja bekanntlich nicht unnötig abstressen. Ayatollah Khamenei, mit 67 wiewohl noch rüstig, schaut offenbar ganz gut auf sich: Im Juni legte der UNO-Sicherheitsrat dem Iran ein dickes Paket mit Angeboten vor, damit Teheran der Uran-Anreicherung abschwört. Drei Monate hat sich jetzt das weißbärtige geistliche Oberhaupt der Iraner Zeit genommen, um zu antworten. Die Entscheidung: nicht ja, nicht nein und trotzdem weise.

Zumindest aus der Sicht des Irans. Man lässt sich nicht dreinreden, verhandelt in aller Ruhe bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und kann nebenbei ungestört an der Atombombe basteln. Den Stress haben die Amerikaner und Europäer: Sie können nur hilflos zuschauen, wie ein Land, dessen Regime die Auslöschung Israels will, seine Rüstung so gestaltet, wie es ihm passt.

Das Selbstbewusstsein der Mullahs hat gute Gründe: Sie haben derzeit nichts zu befürchten, und das wissen sie. Ihr Hauptfeind George W. Bush ist schwer ins Hintertreffen geraten: Militärisch sind seine Kräfte im Irak gebunden. Politisch sieht's noch übler aus: Nicht nur, dass die Amerikaner genug haben von Bushs fehlgeschlage-nen "Demokratie-Projekten" im Nahen Osten, haben die USA mit der Entmachtung Saddam Husseins auch noch die Position der iranischen Schiiten in der Region gestärkt.

Dass es da jetzt noch der Hisbollah, den militanten Zöglingen des Irans, gelungen ist, den Israelis im Libanon die Stirn zu bieten und deren Sieger-Image anzukratzen, hat die Nerven der Iraner noch weiter entspannt. Schwer vorzustellen, dass die israelische Luftwaffe, an die Bush das Problem Iran liebend gerne abtreten würde, nach dieser Blamage ihre Kampfjets Richtung Teheran schickt. Das weit verzweigte Atomprogramm wäre aus der Luft wohl nicht zu zerstören.

Damit lässt sich leicht erklären, warum die US-Außenpolitik diesfalls Kreide gefressen hat und mit den Europäern auf "diplomatische Lösungen" und Sanktionen setzen will. Im Raum stehen Maßnahmen wie Reisebeschränkungen oder ein Stopp des Studentenaustausches mit dem Iran. Auf mehr, das zeichnet sich schon ab, wird sich der Sicherheitsrat nicht einigen können, weil China und Russland bremsen.

Angesichts der Schwächen ihrer Gegner werden die Iraner ihren stärksten Trumpf wohl gar nicht brauchen: die Öl-Waffe. Als viertgrößtes Förderland könnten sie mit einem Lieferstopp den Ölpreis weiter hochtreiben. Und das wissen wiederum die anderen. Er ist also voll entspannt, der Ayatollah. ****

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