"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ein Pflegefall" (Von PETER NINDLER)

Ausgabe vom 22. August 2006

Innsbruck (OTS) - Jeder, der die Legalisierung von illegal in Österreich tätigen Pflegekräften fordert, bleibt die zentrale Antwort schuldig: Wie soll dies rechtlich funktionieren, und wer kann das bezahlen? Der Staat wird sich die Pflege-Milliarde nicht leisten können, die Pflegebedürftigen wohl auch nicht. Trotz des staatlichen Pflegegelds.

Abgaben, Dienstgeberanteile und Versicherungen würden die 24-Stunden-Betreuung, die durch eine Person arbeitsrechtlich gar nicht möglich wäre, dermaßen verteuern, dass viele wieder auf die "Pflege im Pfusch" zurückgreifen würden. Außer es kann sich jemand die Pflegekraft leisten. 55 Prozent der pflegebedürftigen Tiroler allerdings nicht, verfügen sie doch über ein Monatseinkommen von weniger als 1000 Euro. Damit fördert die Legalisierung erneut die illegale Plegebetreuung. Denn die "Rund-um-die-Uhr-Pflege" in den eigenen vier Wänden ist eigentlich nur durch Schwarzarbeit finanzierbar.

Natürlich möchten wir unseren älteren Angehörigen ein Altern in Würde ermöglichen. Und das möglichst zuhause. Aber wer ernsthaft die 24-Stunden-Betreuung etablieren will - was politisch durchaus legitim ist -, muss das bestehende Sozialsystem umfassend reformieren. Für Alten- und Pflegeheime ist in diesem Modell nur noch bedingt Platz, die Finanzströme müssten umverteilt werden. Neben der ambulanten Betreuung durch die Sozial- und Gesundheitssprengel bleibt dann vorwiegend die häusliche Betreuung (Pflege).

Die Konsequenzen daraus sind klar: Der Bund müsste die Arbeitsbeschränkungen für osteuropäische Arbeitnehmer sofort aufheben, das Pflegegeld deutlich erhöhen und pflegende Angehörige ebenfalls entsprechend entlohnen.

Eines sollte sich die wahlkämpfende Politik aber stets vor Augen halten: Wer die Grauzonen im Sozialsystem beseitigen will, muss Geld in die Hand nehmen. Legalisierungsrufe ohne Konzepte sind nämlich illegal.

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