DER STANDARD-KOMMENTAR "Schüssels mediale Niederlage" von Gerfried Sperl

Jetzt hat der ORF die Chance, seine Unabhängigkeit wieder zu finden - Ausgabe vom 18.8.2006

Wien (OTS) - Es ist vollbracht. Die "Wende"-Generalin Monika
Lindner hat das Wahlduell gegen den "Regenbogen"-Kandidaten Alexander Wrabetz verloren. Der Linke mit den guten Kontakten zur Rechten wird neuer Chef der Medienmaschine ORF.
Der Stiftungsrat hat damit die Konsequenzen aus einer schwachen Führung gezogen, die durch sinkende Quoten gekennzeichnet war und es nicht vermochte, eine unabhängige Informationslinie zu finden. Noch mehr: Lindners Chefredakteur Werner Mück war letztlich durch das Zeugnis mutiger Redakteure und einer ehemaligen Moderatorin unhaltbar geworden.
Deshalb freilich in Jubel auszubrechen, wäre verfrüht. Wrabatz, der mit einer klaren Mehrheit von 20:12 Stimmen über Lindner siegte, hat angekündigt, wieder eine Info-Konkurrenz im De facto-Monopolsender herzustellen. Dies muss aber auch mit Leuten gemacht werden, die nach Kompetenz und nicht nach Partei-Kriterien ausgesucht werden. Erst wenn das geschieht, kann Wrabetz auch mit Vorschuß-Vertrauen rechnen. Die nächsten Tage werden zeigen, welche Neben-Absprachen es mit dem BZÖ und mitden Freiheitlichen gegeben hat. Hut ab, wenn die nicht die Information betreffen. Hut ab in diesem Fall nicht nur vor Wrabetz, sondern auch vor dessen Wähler(innen) im Stiftungsrat. Einen politischen Nebenaspekt gibt es trotzdem. Die "Regenbogen"-Koalition für den neuen ORF-General zeigt, dass die Grünen in speziellen Situationen offenbar keine Berührungsängste gegenüber Freiheitlichen haben. Das heißt, man kann auch nach der Nationalratswahl eine solche Konstruktion unter SPÖ-Führung nicht ausschließen.
Für Bundeskanzler und ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel ist die Wrabetz-Wahl eine Niederlage. Ebenso wie für andere ÖVP-Granden wie den niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll und den Raiffeisen-Über-Drüber-Chef Christian Konrad.
In der finanziell schwierigen Lage des ORF ist ein Kaufmann sicherlich eine interessante Wahl. Die große Frage aber ist, ob über die angekündigte Veränderung einiger Grundstrukturen hinaus auch innovative Projekte gestartet werden, die den ORF aus einem mittelmäßigen Unternehmen wieder herausführen und man, wie nach der Ära Bacher, in etwa zehn Jahren sagen kann: Unter Wrabetz sind Dinge gelungen, die europäischen Vorzeigecharakter gehabt haben.
Dazu gehören sicher zwei unter mehreren Aspekte: 1. Ein Informationsprofil zu erarbeiten, das nicht vom Parteienmief geprägt ist, sondern von internationalen Ansprüchen getrieben wird.
2. Dem ORF wieder die Funktion eines Förderers hochklasasiger Kulturproduktionen unter den Bedingungen des digitalen Fernsehens zuirückzugeben.
Dazu kommt eine Problematik, die in der öffentlichen Debatte um den ORF fast keine Rolle spielt: Die Arbeit der Landesstudios. Ein starker Generaldirektor müsste sie herauslösen aus der Umklammerung der jeweiligen Landeshauptleute, die das regionale Fernsehen so sehen wie früher eine Parteizeitung. "Ka Tog ohne Büldl."
Unter Lindner wurde dieser Stil weiter kultiviert und ins Hauptprogramm übertragen. Was sie als Österreich-Orientierung verstand, war die Multiplizierung der Folklore mit einer seuchenhaften Ausbreitung lokaler Dialekte, war die offenbar kostenlose Werbung für eine Volksmusik, die diese Bezeichnung nicht verdient. Sie ist das vom ORF geförderte Verblödungsprogramm.
Mit politischem Sinn. Denn vor diesem Hintergrund konnte die Volkspartei ihre mit Liedern, Blumen und Märchen garnierte Wende-Linie fahren. Monika Lindner schuf mit ihren Vasallen die rechte Stimmung.
Was wir nicht brauchen, ist eine Wende in die andere Richtung. Denn der ORF ist auch nicht für die Schaffung einer linken Stimmung da. Der ORF braucht publizistische Qualität. Unterhaltung ist natürlich nicht verboten.

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