WirtschaftsBlatt Kommentar vom 18. 8. 2006: ORF-Wahl: Der Bessere hat gewonnen - von Peter Muzik

Wrabetz ist eine massive Reform des ORF durchaus zuzutrauen

Wien (OTS) - Wer sich das zweifelhafte Vergnügen verordnet hat,
die Bewerbungsunterlagen der Kandidaten in voller Länge genau zu studieren, der kommt unschwer zu folgendem Schluss: Die 31 Seiten, auf denen Alexander Wrabetz sein Konzept für eine dringend fällige Reform des ORF präsentiert hat, sind klarer, fundierter, kompetenter, zeitgemässer und alles in allem überzeugender als die 26 Seiten, auf denen die bisherige Generaldirektorin Monika Lindner ihre etwas schwammigen, mit Leerformeln gespickten Pläne für die Zukunft des Österreichischen Rundfunks darlegte.

Der wohl wichtigste Punkt bei Wrabetz ist die Ankündigung, Massnahmen setzen zu wollen, die das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Unabhängigkeit, Überparteilichkeit und Qualität der politischen ORF-Berichterstattung wiederherstellen. Weiters kündigt er die grösste Programmreform in der Unternehmensgeschichte an, die das gesamte Programmschema neu zu überdenken und zu strukturieren haben wird und eine TV-Informationsoffensive bringen soll. Hört sich gut an - man wird sehen, was daraus wird.

Alles in allem gesehen ist es ein Segen, dass der Bessere das Rennen gemacht hat. Im direkten Vergleich mit seiner stets farblos gebliebenen Vorgängerin, die noch dazu das Stigma als Parteivasallin nie abstreifen konnte, ist er zum einen der qualifiziertere Manager. Überdies ist er zweifellos der bessere Motivator der Belegschaft, der zielstrebigere Stratege sowie vermutlich - obwohl von der Herkunft her Zahlenmensch - auch der innovativere Reformer.

Obwohl die gestrige Entscheidung eine hochpolitische Angelegenheit war - auch wenn sich einige Stiftungsräte nicht an die Parteilinie hielten -, wird es dem von der Regenbogenkoalition unterstützten Wrabetz gewiss leichter fallen, sich dem Zugriff der Politik zu entziehen - bislang war das ja nicht die Spezialität Lindners. Freilich: Der neue ORF-General muss noch ein exzellentes Team auf die Beine stellen, um der komplizierten Aufgabe gewachsen zu sein. Es wäre wohl keine grosse Überraschung, wenn er sich dabei für den einen oder anderen der gestrigen Rivalen entscheidet - ORF-Urgestein Wolfgang Lorenz oder die früheren ORF-Stars Helmut Brandstätter oder Rudi Klausnitzer könnten kongeniale Wrabetz-Mitstreiter werden.

Schliesslich: Ein Kompliment an die Stiftungsräte, die sich diesmal nicht eisern dem Parteigehorsam verpflichtet fühlten, sondern nach bestem Wissen und Gewissen die richtige Entscheidung trafen.

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