"Presse"-Kommentar: Wer braucht eigentlich den Staatsfunk? (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 18. August 2006

Wien (OTS) - In Zeiten digitaler Informationsvielfalt muss der ORF mehr tun als bisher, um seine Existenz zu rechtfertigen.
Mit dem Kaminfeuer und dem Aquarium hat der Fernsehapparat gemein, dass man hineinstarrt, ohne recht zu wissen warum. Anfangen können ja viele etwas mit dem Fernsehen: Politiker und Markenartikelproduzenten, Demagogen und Weltverbesserer, Filmleute und Sportler. Aber wirklich brauchen tut das Fernsehen am allerwenigsten der, für den es gemacht wird: der Fernsehende. Es gibt kein Informations- oder Unterhaltungsbedürfnis, das nicht auch anderweitig zu befriedigen wäre (Fernsehen ist im Grunde ja ein Placebo, das die Menschen genau dazu einnehmen, um sich nicht echt informieren oder unterhalten zu müssen).
Es ist freilich müßig, darüber zu diskutieren, ob wir das Fernsehen brauchen oder nicht. Die Menschen wollen es. Und es gibt es. Daran wird so bald keine Macht der Welt etwas ändern.
Ähnlich verhält es sich mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es gibt weniges an seinen Aufgaben, was nicht auf andere Weise besser und/oder billiger erledigt werden könnte. Hochwertige Sendungen abseits des Quoten-Mainstreams? Bitte sehr - aber wenn man schon rund drei Millionen österreichischen Haushalten Gebühren abknöpft, um damit Sendungen für 150.000 Interessierte zu zeigen, könnte man das Geld effizienter einsetzen, indem man bei Privatsendern Sendezeit einkauft oder sie für Niveauleistungen subventioniert. Außerdem hätte ein privater Kultur-Qualitätssender vielleicht endlich einmal eine kaufmännische Existenzchance, wenn ihn nicht die Öffentlich-Rechtlichen auskonkurrenzieren. Parteipolitisch neutrale Nachrichten? Feine Sache - aber auch anderswo platzierbar, zumal in Zeiten des Internet. Und überhaupt: Regierungsamtliche Nachrichten sind eigentlich typisches Ausstattungsdetail von Diktaturen.
Aber es gibt nun einmal den ORF. Und daran wird so bald niemand was ändern. Und einen Sender dieser Reichweite zu privatisieren, muss sich erst einmal ein Politiker trauen. Was, wenn ein solches Meinungsbildungspotenzial in die falschen Hände fällt?
Damit sind wir bei dem Dilemma der Monika Lindner und der nächsten Jahre: Wohin führt man einen öffentlich-rechtlichen Sender in einer Zeit, wo er angesichts der vielfältigen elektronischen Angebote, angesichts der Informationsrevolution des Internets und angesichts der digitalen Möglichkeiten des Individual-Programmes und des Bezahlfernsehens seine Existenzberechtigung neu definieren muss? Lindner hat hier bisher keine überzeugende Vision erkennen lassen. Und sie hat auch nicht überzeugend gezeigt, wie man einen Sender steuert, der weder den Interventionen des De-facto-Eigentümers noch den Parteilichkeiten der eigenen Mitarbeiter (und damit sind alle gemeint, nicht nur die Direktoren) freies Spiel lassen darf. Weder mit dem Faktum der politischen Begehrlichkeiten noch mit den darob entstandenen innerhäusigen Querelen ist sie souverän umgegangen. Politischer Einfluss im ORF ist wirklich keine Neuerfindung der Lindner-Ära. Es wäre aber fatal, dergleichen als gelernter Österreicher nicht einmal zu ignorieren. Dank vieler Jahrzehnte Staatsrundfunk haben wir etwa das ZiB-Schauen als Bürgerpflicht verinnerlicht, finden uns als brave Info-Lämmer um 19.30 Uhr bei der Herde ein. Es ist nicht unerheblich, wer uns das allabendliche Informationshäppchen auswählt und vorkaut. Und da Fernsehen nicht nur den gesellschaftlichen Trends folgt, sondern sie mitbestimmt, hat nicht nur der Aktuelle Dienst, sondern jeder Programmmacher Macht. In welchem Geist er diese ausübt, ist gerade dort eine heikle Sache, wo zwangsbeglückt wird und wo ein Sender als der amtlich bestätigte größte gemeinsame Nenner des korrekten Österreich daherkommt. Das Vorkauen von Informationen und das Vorzeigen von Trends wird aber immer politisieren und "politisiert" sein. Die Frage ist nur, ob wenigstens Ausgewogenheit oder Zurückhaltung möglich sind. Wenn ja, muss das auch glaubwürdig demonstriert werden.
Es wird spannend, wie die neue Generaldirektion versuchen wird, die Zukunftsfähigkeit und die Machbarkeit eines ordentlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter Beweis zu stellen. Entpolitisiert wird der ORF ja noch lange nicht sein. Es wäre naiv, in dem Umstand, wieweit die Regierungswünsche bei der Chef-Kür berücksichtigt wurden, einen Gradmesser dafür zu sehen. Und zur programmatischen Daseinsberechtigung: Auch den Bonus als identitätsstiftende österreichische Institution wird es nicht ewig geben, wenn dabei nicht mehr als "Winzerkönig" und "Dancing Stars" herausschaut.

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