"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Schüssels Spiel" (Von Frank Staud)

Ausgabe vom 17. August 2006

Innsbruck (OTS) - Die heutige Wahl des ORF-Intendanten ist an Spannung kaum noch zu überbieten. Der ORF spielt dabei eine Nebenrolle. Somit ist auch klar, dass das Vorhaben, den Staatsfunk zu entpolitisieren jämmerlich gescheitert ist.

Sollte Lindner nicht gewinnen, wäre das Wolfgang Schüssels erste empfindliche Niederlage seit seiner Wahl zum Bundeskanzler. Eine schlechte Signalwirkung für den Nationalratswahlkampf.

Seit 1999 ist Jörg Haider das Zünglein an der Waage. Das wird auch bei der heutigen Wahl nicht anders sein. Denn ohne die Stimmen der mittlerweile orangen Haider-Günstlinge hat Schüssels Wunschkandidatin Monika Lindner keine Chance, ihren Platz an der ORF-Spitze zu verteidigen.

Die ÖVP war lange Zeit zu selbstherrlich. Trotz vieler kritischer Stimmen zum ORF-Führungsduo Lindner/Mück wollten Schüssel und Co. dieses ohne Wenn und Aber durchdrücken. Jetzt wird es eine Zitterpartie. Bis kurz vor der Wahl werden die Handys glühen. Und die ÖVP weiß, dass sie nur mit Zugeständnissen an das BZÖ Lindner im Amt halten kann. SPÖ, FPÖ und Grüne haben sich auf den Lindner-Herausforderer Alexander Wrabetz festgelegt.

Dass sich auch der neue orange Chef Peter Westenthaler auf Wrabetz festgelegt hat, bedeutet nicht viel. Denn schon bei Lindners Kür hat Jörg Haiders Truppe im Minutentakt die Meinung geändert. Haider weiß, dass die ORF-Wahl die letzte Chance des BZÖ ist, um zu beweisen, dass es unabhängig von der ÖVP agiert. Zumindest ein bisschen könnte sich Haider für Schüssels Demütigungen der vergangenen Jahre revanchieren.

Andererseits wissen die Orangen, dass Schüssels Rache auf den Fuß folgen würde. Beim Ministerrat kommende Woche könnte sich das BZÖ Platz 3 am Stimmzettel für die Nationalratswahl abschminken. Und einige Versorgungsposten für orange Freunde wären mit Sicherheit auch dahin.

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