"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wozu düstere Prognosen? Die Pflege krankt schon jetzt" (Von Hannes Gaisch)

Ausgabe vom 17.08.2006

Graz (OTS) - Seit Tagen bekommen Sie, liebe Leser, Horrorzahlen serviert. Zahlen über die Vergreisung unserer Gesellschaft, Prognosen über den Bedarf an Pflege und Betreuung alter Menschen lauter Dinge übrigens, die schon seit Jahren bekannt sind.

Kauen wir das also noch einmal kurz durch. Spätestens im Jahr 2050 werden mehr als zwei Drittel von 8,2 Millionen Österreichern über 60 Jahre alt sein. Rund 900.000 Menschen, doppelt so viele wie heute, könnten dann auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um den Tag zu bewältigen.

Könnten, wohlgemerkt. Es sind gerade die Experten aus dem Pflegebereich, die darauf hinweisen, dass in diesem Szenario auch ein Teil Spekulation drinnen steckt.

Sicher ist, dass wir älter werden. Es sei aber auch zu hoffen, dass wir länger gesund bleiben Stichwort Vorsorge. Und, das nebenbei, 2050 ist ein weiter Horizont. Außerdem: Wozu so weit in die Zukunft schweifen? Für hunderttausende in Österreich ist das Thema Pflege hier und jetzt akut.

Die Anzeigen in Niederösterreich wegen illegaler Beschäftigung von Pflegerinnen aus den östlichen Nachbarländern mögen für die Betroffenen zu Recht ein Schock gewesen sein.

Allerdings ist damit endlich die Decke gelüftet worden über der Situation der Pflege, wie sie wirklich ist. Beziehungsweise: wie sie seit Jahren unverändert ist. 70 bis 80 Prozent aller Betreuten sind zu Hause, gepflegt von Angehörigen und unterstützt von zehntausenden Helferinnen aus dem Osten.

Die Familien sind heilfroh über diese Hilfe sie finden ja sonst keine Alternative. Selbst
der Leiter eines Seniorenheimes und Sozialmanager sieht das so: "Ich sage unverhohlen, dass wir diese Leute auch weiterhin brauchen werden. Wir müssen sie aber in ein System integrieren, wo wir auf die Qualität schauen können."

So werden die Familien auch künftig viel von der Betreuungsarbeit tragen müssen. Die 24-Stunden-Betreuung eines mobilen Dienstes bleibt ein unerfüllter Wunsch.

Das ändert nichts am Personalmangel in diesem Bereich. Mit niedrigen Löhnen wird die Motivation schwer anzukurbeln sein, im Gegenteil. Das Image, die Ausbildung und der Verdienst bedürfen dringend einer Pflege.

Auch wenn das direkt ins nächste Dilemma führt, weil die Kosten noch einmal steigen. Damit stehen wir vor dem Hauptproblem, an dem die Pflege krankt. Angebot und Qualität sollen stimmen, zugleich aber muss es leistbar sein. Erst wenn dieser Spagat gelingt, hellen sich allfällige Zukunftsszenarien wieder auf.****

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