"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Blechtrommler" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 16. August 2006

Innsbruck (OTS) - Günter Grass hat stets Autorität beansprucht. Das Einmischen war für den Unbequemen ein Teil seines Selbstverständnisses. Darin lag für viele ein Teil des Problems seiner Ästhetik, weil er neben sein literarisches Schaffen das Politisieren stellte. Doch für Grass war dies nie ein Widerspruch, weil er immerzu für die Sprachlosen das Wort erhob.

Grass mischte sich ein. Gerade wenn es um die Vergangenheit ging, stellte er immerzu die Fragen nach Schuld, Verantwortung und Moral. Und nun? Jetzt holte ihn selbst seine eigene Geschichte ein, er gab preis, was er 60 Jahre lang verschwiegen hatte. Bislang wussten wir von einem begeisterten 17-jährigen Flakhelfer und Soldaten, jetzt sagt uns Grass, dass er auch bei der Waffen-SS war. Es war allenthalben nur ein Detail seiner Biographie, wenn auch ein wichtiges. Grass wurde nicht als Lügner entlarvt, er machte es selbst. Grass war wohl ein Gefangener seiner eigenen Moral und des in der Adenauer-Ära entstandenen politischen Lagerdenkens in Deutschland.

Trotzdem - für einen Intellektuellen gibt es wohl nichts Schlimmeres, als sich dem Vorwurf des Selbstwiderspruchs aussetzen zu müssen. Genau darin besteht das Drama für Grass, was er auch weiß und was ihn wohl auch quält. Er hat sich ein Stück weit von der Wahrhaftigkeit entfernt.

Doch ist Günter Grass nun wirklich so beschädigt, wie uns die selbstherrlichen Moralisten weismachen wollen, die nun versuchen, einen Moralisten zum Heuchler abzustempeln? Nein! Einmal mehr aber wird uns vor Augen geführt, wie schon bei vielen anderen Schriftstellern vor Grass, dass man zwischen der öffentlichen Person und dem Dichter zu unterscheiden hat. Einmal mehr zeigt sich, dass das Werk viel genauer und in seinem innewohnenden Zweifel präziser ist als der Autor, wenn er sich mahnend zu Wort meldet.

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