"Die Presse" Leitartikel: "Das große Rauschen im Pensionisten-Stadl" (von Norbert Mayer)

Ausgabe vom 16.8.2006

Wien (OTS) - Wer wird den ORF künftig leiten? Man muss Jörg Haider fragen, obwohl man sich an Gerd Bacher halten sollte.
Es bleibt tatsächlich spannend bis zum Schluss. Nicht einmal die beinahe dominante ÖVP unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, die sich auf die amtierende Anstaltsleiterin Monika Lindner kapriziert hat, weiß, wer am kommenden Donnerstag vom Stiftungsrat des Österreichischen Rundfunks zum ORF-Generaldirektor für die nächsten fünf Jahre bestellt wird. Denn die letzte Machtprobe vor der Parlamentswahl am 1. Oktober hängt vor allem davon ab, in welchem Zustand sich die kleine Regierungspartei BZÖ befindet: ob sie orange ist oder, wie neuerdings zu beobachten war, wieder einmal blau wie so mancher abgefertigte Ex-FPÖ-Funktionär.
Die Umfragewerte des BZÖ sind sieben Wochen vor der Nationalratswahl so katastrophal, dass selbst ein manischer Selbstdarsteller in tiefe Depression fallen muss. Schauen wir mal, welchen Cocktail sich das BZÖ diese Woche einwirft, um herauszufinden, welchen "unverbindlichen" Personal-Vorschlag man seinen "unabhängigen" Stiftungsräten gibt. Vielleicht steht ja doch Lindner ganz oben auf der Wunschliste und nicht, wie zuletzt kolportiert, deren Finanzdirektor. Vielleicht ist Alexander Wrabetz für BZÖ-Erfinder Jörg Haider schon weg, ehe er da war. Eine Koalition aus Rot, Grün, Blau und Orange scheint ohnehin nicht viel Stabilität zu versprechen. Regenbogen? Diese Farbenmischung ergibt allenfalls ein diffuses Braun.

In einem Punkt aber muss man der SPFPBZÖGRÜN-Koalition, die sich gegen die ÖVP und ihre treue Kandidatin verschworen hat, recht geben. Alles wäre derzeit besser als Lindner. Die sinkenden Quoten sprechen ebenso gegen sie wie der programmatische Zustand, in dem sich die Anstalt befindet: Ein Regierungsfunk mit Durchgriffsmöglichkeiten für die Politik im Informationsbereich, die an die schlimmsten Zeiten der SPÖ erinnern, ein Regionalprogramm, das die Seitenblicke im Vergleich zur Hochkultur macht, eine Kultur - na ja, lassen wir das.
Monika Lindner hat auch in der Affäre um TV-Chefredakteur Werner Mück unentschlossen agiert, dem unter anderem sexistische Bemerkungen vorgeworfen wurden. Lammfromm in der Berichterstattung über die Regierung, aggressiv oder illoyal gegen unbotmäßige Mitarbeiter - das ist keine Empfehlung für die Weiterbeschäftigung von Leuten, die ohnehin die Pensionsreife erlangt haben.
Charakteristisch für diese Wahl ist ja auch, dass sich die Kandidaten bis auf Wrabetz (46) und Ex-ORF-Mitarbeiter Helmut Brandstätter (51) in einem Alter befinden, welches man wohl als fortgeschritten bezeichnen muss. Wo bleiben denn die hungrigen 35-Jährigen, die der Welt beweisen wollen, dass der ORF neugierig, frech, innovativ und zugleich kultiviert sein kann? Der bisherige Verlauf der Kür liest sich doch eher so, als ob unter der Obhut eifersüchtiger Parteien das große Rauschen im Pensionisten-Stadl angebrochen ist. Mehr als ein bisschen Farbfernsehen für graue Panther ist da wohl nicht drin.

Man sollte aber nicht ungerecht gegen die Altersgenossen von Wolfgang Schüssel sein. Die konstruktivsten Vorschläge für die Direktoren-Wahl kamen von einem Mann, der bereits über 80, im Herzen aber wohl noch immer jünger ist als seine Nachfolger. Gerd Bacher, der so oft Generalintendant war, dass er es wissen müsste, wünscht sich keinen parteibestimmten, sondern einen unabhängigen ORF-General, keinen Wirtschafter, sondern einen musisch veranlagten Menschen. Dem kann man nur freudig zustimmen. Leider steht Bacher nicht zur Wahl.
Was also bleibt an Auswahl? Interessanterweise scheinen diesmal jene Kandidaten am geeignetsten zu sein, die in der Ära Bacher I jung, hungrig und innovativ waren, die es hoffentlich heute noch sind. Wolfgang Lorenz (62) wurde 1970, nach nur einem Lehrjahr, Bürochef bei Bacher und hat seither in verschiedensten Chefpositionen bewiesen, dass er zu den wenigen gehört, die den staatlichen Rundfunk interessant machen. Lorenz wäre sicher erste Wahl, wenn die Stiftungsräte auf ihr unabhängiges Urteil vertrauten.
Auch Rudi Klausnitzer, der 1968 als Radio-Ansager im ORF begann, war ab 1972 persönlicher Referent beim "Tiger". Seither hat er in seiner Karriere (Chef bei Ö3, bei deutschen Privatsendern, den Vereinigten Bühnen Wien und der "News"-Gruppe) bewiesen, dass er Risiko und Geschäftssinn erfolgreich verbindet. Die erste Sendung, die er beim ORF als Zwanzigjähriger moderierte, muss ja nicht die Richtung vorgeben: "Tanzmusik auf Bestellung".

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