"Presse"-Kommentar: Heftpflaster für einen ungelösten Konflikt (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 14. August 2006

Wien (OTS) - Der Einsatz der UNO im Südlibanon ist höchst riskant. Denn die Kämpfe können jederzeit wieder losgehen.
Die von der UNO vermittelte Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon respektive der Hisbollah ist ein Heftpflaster. Mehr nicht. Die Kämpfe können jederzeit wieder ausbrechen. In der israelischen Öffentlichkeit rechnete man schon vor dem offiziellen Inkrafttreten des Waffenstillstands fest damit. "Die nächste Runde zwischen uns und dem Iran, der hinter der Hisbollah steckt, ist unvermeidbar", schreibt die auflagenstärkste israelische Zeitung "Yediot Ahronot". Auch außerhalb Israels kann niemand ernsthaft glauben, dass die schiitischen Hisbollah-Milizen auf einmal ihre Liebe zu UN-Resolutionen entdecken und sich nun, wie schon seit einem Jahr von der Weltgemeinschaft völlig folgenlos gefordert, so ohne weiteres entwaffnen lassen. Zittrige Knie werden sie vor keiner der Truppen bekommen, die da in den kommenden Wochen im Südlibanon Einzug halten sollen, weder vor der libanesischen Armee noch vor den 15.000 UN-Soldaten. Aus Erfahrung nicht.
Es ist der Zivilbevölkerung im Libanon und in Israel zu wünschen, dass der Waffenstillstand hält. Doch es kann jederzeit wieder losgehen. Besonders fragil ist die Situation zu Beginn des Waffenstillstands. Die israelische Armee muss laut UN-Resolution 1701 nicht umgehend abziehen, sondern erst dann, wenn die internationale Truppe im Südlibanon vollständig stationiert ist. Doch das kann noch Wochen dauern. Bis dahin sind die Hisbollah und Israel also weiterhin in einander verkrallt. Es genügt ein Funke, und der Krieg kann wieder voll aufflammen.
Doch auch wenn die Schutztruppe tatsächlich einmal in voller Besetzung ihre Runden im Südlibanon zieht, ist noch lange nicht gesagt, dass die Front ruhig bleibt. Was, wenn die Hisbollah ihre Raketen über die Köpfe der Blauhelme hinweg auf Israel abfeuert? Wird dann Israel still halten und - bis zum Ende aller Tage - warten, bis die schiitischen Milizen der höflichen und neuerdings auch "robusten" Aufforderung der Vereinten Nationen nachkommen und ihr Kriegswerkzeug freiwillig abgeben? Wohl kaum.
Auf den Schutz der UNO wird sich Israel unter Garantie nicht verlassen. Provoziert die Hisbollah neuerlich, dann wird die israelische Armee wieder auf die ihr eigene Art antworten. Dieses Recht, das ohnehin ein Recht auf Selbstverteidigung ist, wird ihr in der UN-Resolution 1701 auch deutlich eingeräumt. Denn dort ist lediglich davon die Rede, dass Israel alle offensiven militärischen Maßnahmen einzustellen habe. Sollten die Auseinandersetzungen tatsächlich in eine weitere Runde gehen, stehen möglicherweise 15.000 UN-Soldaten mitten im Krieg, nämlich genau zwischen den Fronten. Die Mission, auf die sich die Vereinten Nationen in ihrer Resolution zumindest grundsätzlich geeinigt haben, steckt voller Risiken. Sie könnte, wenn alles schief läuft, in einem Desaster enden, das der UNO endgültig den Rest gibt. Denn Geburtshelfer des Einsatzes ist eine Art aktionistischer Ratlosigkeit. Man handelte aus dem drängenden Gefühl heraus, irgendetwas unternehmen zu müssen, um dem Blutvergießen im Libanon ein Ende zu bereiten. Doch über eine langfristige Beilegung des Konflikts machte man sich offenbar weniger Gedanken. Österreich wird jedenfalls gut beraten sein, sich gründlich zu überlegen, ob es Soldaten in den Südlibanon entsenden soll. Natürlich wird Hisbollah-Chef Nasrallah aus dem Bunker kriechen und den Sieg verkünden. In der verqueren Logik der Gedemütigten ist alles, was keine völlige Niederlage gegen Israel bedeutet, schon ein Sieg. Derlei Interpretationen sind natürlich Nonsens. In diesem Krieg gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer. Und wenn sich der Staub gelegt hat, wird hoffentlich auch die libanesische Bevölkerung ein paar unangenehme Fragen an die Hisbollah stellen: Etwa, ob es wirklich notwendig war, zwei israelische Soldaten zu entführen, bloß um damit einen Krieg gegen Israel zu entfesseln?
In der israelischen Bevölkerung toben schon jetzt heftige Debatten. Es wird immer klarer, dass dies der erfolgloseste Krieg war, den Israel in seiner Geschichte geführt hat. Premier Ehud Olmert muss sich Kritik von allen Seiten anhören. Ob rechts oder links, es verdichtet sich der Eindruck, dass dieser Krieg schlecht geplant und noch schlechter ausgeführt wurde.
Stellt man Kosten und Nutzen dieses einmonatigen Feldzuges in Rechnung, tritt immer deutlicher zutage: Dieser Krieg war weitgehend sinnlos.

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