"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Liturgie der Wende" von Gerfried Sperl

Im ORF wird ab heute über die (demokratische?) Medienzukunft entschieden - Ausgabe vom 10.8.2006

Wien (OTS) - Nach dem Regierungschef ist die Führung der größten Medienorgel des Landes die definitiv einflussreichste Position. Vor der Bestellung von Monika Linder hatte Wolfgang Schüssel die damals gute Idee, einige Medienweise ein Konzept erstellen zu lassen. Her-ausgekommen ist nicht der beabsichtigte Bacher-ORF unter heutigen Bedingungen, sondern die für den Bundeskanzler glückhafte Verlängerung des Bundespressedienstes als TV-Plattform. Tatsächlich geht es um das Fernsehen, und nicht um das ORF-Radio, dessen Info-Sendungen immer noch zum journalistisch Besten auf europäischem Niveau gehören. Das ist mit wenigen Ausnahmen im Fernsehen längst nicht mehr der Fall. Dabei geht es nicht nur um die Darstellung der Innenpolitik, sondern auch um die internationale Berichterstattung in den ZiB-Sendungen, in denen die Korrespondenten meistens das wiederholen, was die Moderatoren vorher gesagt haben. Das heißt: Die Inlandsberichte interpretieren den politischen Willen der Kanzlerpartei mit Toleranznischen für die Opposition, die Auslandsmeldungen, so sie neben EU und Katastrophen noch Platz haben, sind längst auf Agen-turkürze reduziert. Debatten (was immer das heißt) werden wie die Pressestunde auch mit den Parteien abgesprochen. Daneben gibt es noch Proskriptionslisten mit den Namen unerwünschter Journalisten.
Um minimalen Pluralismus herzustellen, müssten die Info-Strukturen des Einser- und Zweierkanals (so wie es Armin Wolf gefordert hat) getrennt werden. Dann hätte man, was es bereits gab und was in einer Demokratie unerlässlich ist: Eine Konkurrenz, die einigermaßen den deutschen Verhältnissen mit ZDF, ARD und dessen Binnenpluralismus entsprächen.
Österreichs Landesstudios sind längst in Folklore-Sender verwandelt worden, in denen teilweise sogar die Kulturberichte auf das Niveau von Sparkassenausstellungen gesunken sind. Den Konsumenten gefällt es, sie werden mitgefilmt und können sich wie die Großeltern fühlen, die jeden Tag am offenen Fenster das magere Dorftreiben beobachtet haben.
Wenn nun Alexander Wrabetz tatsächlich mit Elmar Oberhauser als Info-Direktor antreten wollte, würden auch noch die Sportstrukturen über das Info-Geschehen gestülpt. Oberhauser mag ein guter Interviewer gewesen sein, ein innovativer Info-Entwickler ist er mit Sicherheit nicht.
Er bewegt sich wie seine Chefin Monika Lindner und der momentane Info-Direktor vor allem im heimischen Biotop der wichtigsten Illustrierten-Österreicher. Man sieht ja auch seit Jahren keine ORF-Leute bei internationalen Konferenzen mehr, bei denen es um Meinungspluralismus und Medienfreiheit geht. Viel zu anstrengend, zu abgehoben.
Um das zu durchbrechen, birgt die Bewerbung von Wolfgang Lorenz noch die meisten Lichtblicke. Seine Phantasie und seine Rücksichtslosigkeit gegenüber Politikern hat er bei der Programmierung des Grazer Kulturhauptstadt-Konzepts 2003 gezeigt. Seine Halsstarrigkeit bietet eine gewisse Resistenz gegen die Rückkehr in die Steinzeit des österreichischen Mediengeschehens. Die wahrscheinlichste Variante aber ist jene, die Alfred Worm kürzlich beschrieben hat. Warum soll die ÖVP auf das Tandem Wolf/Mück verzichten, denn ihr Geschick als Liturgen der konservativen Wende ist unüberbietbar. Der Ärger der SPÖ würde sich in Grenzen halten, weil sie im Unterhaltungsbereich von der ÖVP geschont wurden. Die der Partei nahen Filmfirmen konnten ebenso ihre Ertragslage halten, wie die meisten heimischen Stars, die (verständlicherweise) nicht dem Regierungslager zuzurechnen sind.
Über allem aber steht eine Frage:_Sollten es die Stiftungsräte zulassen, dass ein Mann wie Werner Mück weiterhin am Info-Ruder bleibt, dann sollten endlich auch jene sich zum rechten Parteigehorsam bekennen, die außerhalb des ORF von Toleranz, Caritas und Menschenwürde reden.
Wir werden sehen, wie viele im Herbst noch aufrecht gehen können.

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