"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: " Haft genügt nicht" (Von Gerd Glantschnig)

Ausgabe vom 9. August 2006

Innsbruck (OTS) - Sperrt sie ein bis die Schwarten krachen, ist am Stammtisch leicht gesagt. Und für gewisse Politiker gibt es offensichtlich kein besseres Rezept, als dem Wähler höhere Strafen für die Übeltäter zu versprechen. Da wird das primitive Bauchgefühl nach Rache und Vergeltung angesprochen. Zugleich schmeicheln diese Parolen auch uns anständigen Bürgern, die wir uns doch alle und jederzeit an alle Gesetze halten. Aber was soll es, jammert da der eine oder andere Stimmenfänger, wenn die Richter zu milde sind und die Strafen jegliche Abschreckung vermissen lassen?

Abschreckung hat in Wirklichkeit nie funktioniert. Denn es gibt kaum einen Verbrecher, der sich vor einer hohen Strafe fürchtet. Tatsächlich ist jeder überzeugt, dass er erst gar nicht erwischt wird. Ein Märchen ist es auch, dass in den USA die Todesstrafe zu einem Rückgang der Kriminalität geführt hat. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall.

Und hierzulande braucht niemand Angst vor gefährlichen Rechtsbrechern zu haben. Denn um die Gesellschaft vor derartigen Tätern zu schützen, kann das Gericht die Einweisung in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher verfügen. Und in einer solchen Anstalt kann lebenslang dann auch wirklich zu lebenslang werden, wenn sich keine Besserung des psychischen Zustandes einstellt.

Besondere Vorsicht ist bei jugendlichen Straftäteren geboten. Haft genügt nicht bei Jugendlichen. Vielmehr brauchen sie Obsorge und Hilfe statt Strafe. Wenn jedoch die von zahlreichen Organisationen, wie etwa das "Netz" der Jugendfürsorge, angebotene Erziehungshilfe oder therapeutische Maßnahmen hartnäckig abgelehnt werden und es immer wieder zu Rückfällen kommt, bleibt leider auch bei jungen Straftätern nur die Haft als letztes Mittel übrig.

Wie gesagt: Wegsperren wäre die einfachste Methode, kriminelle Elemente loszuwerden, aber auch die primitivste.

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