Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Ungeheuer Verwaltung

Wien (OTS) - Der Fortschritt ist ein unaufhaltsames Ungeheuer. Besonders gefährlich wird er in der Form einer Verwaltungsreform. Seit der letzten Steuervereinfachung ist mein Steuerformular um mehrere Seiten dicker geworden. Jetzt habe ich versucht, meine Steuer elektronisch zu überweisen, und geglaubt, dass wäre so einfach wie eine normale Überweisung.

Steuerüberweisungen aber haben es in sich: Zuerst verdoppelt sich plötzlich der zu überweisende Betrag, wenn man der Vorlage folgend auch angibt, dass es um die Einkommensteuer 2006 geht. Zum Glück sehe ich das noch, korrigiere und klicke: "Überweisen". Nichts da: "Die Steuernummer muss neunstellig sein". Alle Akten durchwühlt - aber meine Steuernummer ist siebenstellig. Lediglich einen mickrigen Schrägstrich hätte sie noch, der hilft aber auch nicht weiter.

Endlich entdecke ich an ganz anderer Stelle meiner Vorschreibung noch zwei nicht näher erklärte Ziffern. Vielleicht sind sie das gesuchte Geheimnis. Nur: Gehören sie vor oder hinter die Steuernummer? Ich versuche es halt vorne, das Programm schluckt es und ist fröhlich. Hat es doch nun neun Ziffern bekommen. Nur: Waren es die richtigen? Seither gilt das große Bangen: Habe ich etwa einen anderen Steuerzahler subventioniert, der vorn das hat, was bei mir hinten fehlt? Merken werde ich es erst, wenn mir der Finanzminister eine Gehaltsexekution ins Haus schickt. Die werde ich dann dem Staatssekretär senden, der für Verwaltungsvereinfachung zuständig ist, pardon: wäre.
Als ich die Episode einem Freund erzähle, der viel klüger ist als ich und noch dazu ein höherer Beamter, bricht der in verzweifeltes Lachen aus: Er hatte besonders brav sein wollen und auch seine Einkommensteuer elektronisch auszufüllen versucht: Seine Irrwege zwischen eingeschriebenen Briefen mit irgendwelchen Codes und verzweifelter Suche nach den richtigen Spalten für seine paar tausend Euro Zusatzeinnahmen würden fünf weitere Tagebücher füllen. Er ist ein Jahr lang gescheitert. Uns aber blieb bei einem Bier nur noch die verzweifelte Frage, wie man all die Verwaltungsvereinfacher und EDV-Beauftragten einmal zwingen könnte, selbst den Mist auszulöffeln, den sie da organisiert haben. Oder sind sie ohnedies nur verkappte Agenten, die die Umsätze von Steuerberatern und Anwälten pushen wollen?

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001