• 07.08.2006, 16:31:30
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Ungeheuer Verwaltung

Wien (OTS) - Der Fortschritt ist ein unaufhaltsames Ungeheuer.
Besonders gefährlich wird er in der Form einer Verwaltungsreform.
Seit der letzten Steuervereinfachung ist mein Steuerformular um
mehrere Seiten dicker geworden. Jetzt habe ich versucht, meine Steuer
elektronisch zu überweisen, und geglaubt, dass wäre so einfach wie
eine normale Überweisung.

Steuerüberweisungen aber haben es in sich: Zuerst verdoppelt sich
plötzlich der zu überweisende Betrag, wenn man der Vorlage folgend
auch angibt, dass es um die Einkommensteuer 2006 geht. Zum Glück sehe
ich das noch, korrigiere und klicke: "Überweisen". Nichts da: "Die
Steuernummer muss neunstellig sein". Alle Akten durchwühlt - aber
meine Steuernummer ist siebenstellig. Lediglich einen mickrigen
Schrägstrich hätte sie noch, der hilft aber auch nicht weiter.

Endlich entdecke ich an ganz anderer Stelle meiner Vorschreibung
noch zwei nicht näher erklärte Ziffern. Vielleicht sind sie das
gesuchte Geheimnis. Nur: Gehören sie vor oder hinter die
Steuernummer? Ich versuche es halt vorne, das Programm schluckt es
und ist fröhlich. Hat es doch nun neun Ziffern bekommen. Nur: Waren
es die richtigen? Seither gilt das große Bangen: Habe ich etwa einen
anderen Steuerzahler subventioniert, der vorn das hat, was bei mir
hinten fehlt? Merken werde ich es erst, wenn mir der Finanzminister
eine Gehaltsexekution ins Haus schickt. Die werde ich dann dem
Staatssekretär senden, der für Verwaltungsvereinfachung zuständig
ist, pardon: wäre.
Als ich die Episode einem Freund erzähle, der viel klüger ist als ich
und noch dazu ein höherer Beamter, bricht der in verzweifeltes Lachen
aus: Er hatte besonders brav sein wollen und auch seine
Einkommensteuer elektronisch auszufüllen versucht: Seine Irrwege
zwischen eingeschriebenen Briefen mit irgendwelchen Codes und
verzweifelter Suche nach den richtigen Spalten für seine paar tausend
Euro Zusatzeinnahmen würden fünf weitere Tagebücher füllen. Er ist
ein Jahr lang gescheitert. Uns aber blieb bei einem Bier nur noch die
verzweifelte Frage, wie man all die Verwaltungsvereinfacher und
EDV-Beauftragten einmal zwingen könnte, selbst den Mist auszulöffeln,
den sie da organisiert haben. Oder sind sie ohnedies nur verkappte
Agenten, die die Umsätze von Steuerberatern und Anwälten pushen
wollen?

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:redaktion@wienerzeitung.at

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