"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kannibalismus der Kleinen verdirbt den Großen die Suppe" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 05.08.2006

Graz (OTS) - Allein schon die Ankündigung der Absicht Hans-Peter Martins, bei der Nationalratswahl zu kandidieren, hat wie ein untergründiges Seebeben auf die anderen Parteien gewirkt. Dabei ist noch gar nicht sicher, ob er überhaupt die nötigen Unterstützungserklärungen zusammenbringen wird.

Am schwersten hat es das BZÖ getroffen. Peter Westenthaler wird nicht die Meinungsforscher gebraucht haben, um sofort zu erkennen, welche Gefahr Martin für ihn darstellt. Seither agiert er nur noch in kopfloser Panik. Atemlos hechelt er hinter jedem Thema her, von dem er hofft, er könne sich damit profilieren.

Das BZÖ, ein Homunkulus aus Haiders Küche, kam nie recht zum Leben. Nun droht er vollends aufgerieben zu werden zwischen der FPÖ und Martin. Das Protestpublikum hat die Wahl: Wer sich vor den Ausländern fürchtet, geht gleich zu Strache, und wer die EU für die Quelle allen Übels hält, hat Martin.

Nur mit schierer Verzweiflung ist Westenthalers neues Manöver zu erklären: Er gibt das BZÖ auf und stürzt sich in die offene Auseinandersetzung mit der Strache-FPÖ um den Namen Freiheitliche. Das ist das Eingeständnis, dass aus dem Topf der zehn Prozent, die beim letzten Mal die FPÖ gewählt haben, für ein BZÖ nicht mehr genug zu holen wäre.

Beim Publikum, das schon bisher häufig nicht zwischen BZÖ und FPÖ unterscheiden konnte, wird die Verwirrung nun vollständig sein, noch dazu, wo ein Plakat einer Zeitung Strache und Westenthaler Arm in Arm zeigt.

Dem FPÖ-BZÖ-Kannibalismus und dem Auftreten Martins sehen die Großen mit höchst gemischten Gefühlen zu. Die SPÖ muss fürchten, dass Martin auch sie Stimmen kostet, denn sein Anti-EU-Populismus wird attraktiver sein als Alfred Gusenbauers halbherzige Versuche, dieses Ressentiment zu bedienen.

Profiteur der Auseinandersetzungen auf der unteren Etage ist auf den ersten Blick die ÖVP. Von Martin muss sie bei der Wahl nicht allzu viel fürchten und die Selbstzerfleischung des ehemaligen Koalitionspartners wird ihr kaum schaden.

Ganz anders schaut es aber für den Tag danach aus, sollte Martin den Sprung ins Parlament schaffen. Während die ÖVP das BZÖ längst aus ihren Überlegungen gestrichen hat und auch Straches FPÖ als Partner nicht in Frage kommt, tut sich auf der Linken die Möglichkeit einer rot-grün schillernden Dreierkombination auf. Dieser Versuchung zu widerstehen, würde für die Beteiligten sehr schwer werden.****

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