Sicherheit ist gut, mehr Sicherheit nicht

"Presse"-Leitartikel vom 05.08.06 von Michael Prüller

Wien (OTS) - Sicherheit ist gut,
mehr Sicherheit nicht

LEITARTIKEL von Michael Prüller

Am wenigsten sicher ist der risikoscheue und unfreie Mensch. Ein Plädoyer für mehr Freiheit und Wagemut.

Sicherheit _ das Thema unserer heutigen Titelgeschichte _ ist das große Leitwort unserer Gesellschaft geworden. Seit Jahren führt es die vom Imas-Institut erhobene Beliebtheitsskala politischer Begriffe souverän an. Klar, Sicherheit ist nun einmal eines unserer Grundbedürfnisse. Und niemand, der seine Sinne beieinander hat (und einem ehrlichen Beruf nachgeht) wird sich darüber ärgern, dass Österreich ein relativ sicheres Land ist. Beunruhigend ist aber, dass andere Werte, die dem Sicherheitsdenken vernünftige Grenzen setzen, an Boden verlieren. Freiheit etwa. Oder Selbstständigkeit. Oder Wettbewerb. Oder Innovation. Unsere Gesellschaft scheint ein Stadium erreicht zu haben, in dem ein Zuwachs an Sicherheit in jedem Fall als Gewinn gesehen wird, egal wie hoch der Preis dafür ist.
Man muss sich nur einmal die Ereignisse einer beliebigen Woche _ zum Beispiel dieser _ anschauen: Überall geht's um Sicherheit. Mehr Sicherheit im Straßenverkehr durch weitere Tempolimits für Autos in Wien. Mehr "soziale Sicherheit" per Gesetz verspricht die neue slowakische Regierung. Sicherere Arbeitsplätze verlangt die heimische Opposition _ und will auch das "subjektive Sicherheitsgefühl" mittels mehr Polizei-Inspektoraten heben. Mehr Sicherheit vor Kidnapping und Raketenterror verspricht die israelische Regierung#.#.#.
Das sind ja alles keine frivolen Wünsche. Nur: Wie beurteilen wir, ob wir dadurch mehr gewinnen als wir verlieren? Bzw.: Beurteilen wir das überhaupt? Mehr Zeit im Auto sitzen zu müssen, weil man nicht so schnell fahren darf, bringt ein Minus an Zeit für produktive Arbeit oder die wirklich schönen Dinge im Leben _ wie viel davon herzugeben, ist angemessen? Das diskutieren wir nicht, weil wir doch nicht Verkehrstote gegen Zeitersparnis rechnen wollen. Und doch schaffen wir das Auto nicht ganz ab, obwohl das viele Unfälle verhindern würde. Wir machen also Kompromisse _ auf welcher Wertebasis eigentlich?
Wir laufen Gefahr, über diese Wertebasis gar nicht mehr zu sprechen. Übrig bleibt dann ein größter gemeinsamer Nenner, der nur noch enthält: a) das eigene Leben, b) die Gesundheit, c) das Einkommen. Wer mehr Sicherheit für a) bis c) verspricht, hat schon gewonnen. Natürlich gibt es daneben immer noch die, die dem Risiko auch gute Seiten abgewinnen können. Doch der Mainstream scheint sich in die Aktion "Wattepack" zu verlagern. Das scheint damit zusammenzuhängen, dass vielen Leuten die Hoffnung auf eine Zukunft abhanden gekommen ist, die uns für Einbußen entschädigen könnte, die wir heute oder morgen in den Kategorien a) bis c) erfahren. Je weniger wir glauben, dass uns die wirklich tollen Sachen erst in der Zukunft bevorstehen, desto unerträglicher wird uns der Gedanke, dass von dem, was wir heute haben, etwas verloren gehen könnte.

Die Zahl jener ist groß, die sich gut behütet fühlen, wenn ihnen jemand da oben die Entscheidung abnimmt, ob sie einen Sturzhelm aufsetzen, ihre Kinder Bäume besteigen oder gentechnisch verändertes Essen essen dürfen. Und die Zahl jener auch, die grundsätzlich dafür sind, das jemand ihnen alles fern hält, was unangenehm werden könnte, vom Rasenmäherunfall bis zum ausländischen Arbeitsplatz-Wegnehmer. Sie sind mit Erleichterung und Dankbarkeit bereit, Regierungen, Parteien, Ausschüssen, Feuer-, Bau- Fremden- und sonstigen Polizeien, Arbeitsämtern, Fürsorge- und Versicherungsanstalten die Verantwortung für ihr Tun und Lassen zu übertragen.
Wer aber denkt, dass mehr Sicherheit immer besser ist als mehr Freiheit oder mehr Risiko, übersieht, dass Freiheit und der Wagemut oft die Basis für Sicherheit sind. Staatliche Kontrolle der Wirtschaft beispielsweise macht diese morsch und unflexibel. Das ist langfristig eine viel größere Arbeitsplatzgefährdung als der freie Markt. Und die Vermeidung des Risikofaktors Kind macht unsere Pensionen fraglich.
Und: Kollektive Sicherheit muss kollektiv organisiert werden. Sicherheit garantieren kann nur, wer auch Macht hat. Noch mehr Sicherheit heißt daher: noch mehr Macht. Irgendwann kommt man nahe an den allmächtigen Staat, der einem dann jederzeit genau das entziehen kann, was man eigentlich sichern wollte: a) das Leben, b) die Gesundheit, c) das Einkommen.

Nicht der freie Markt holt einen nachts aus dem Haus, sondern die Geheimpolizei. Spätestens dann wird klar, was ein Philosoph zum Thema Sicherheitswahn gesagt hat: dass dem domestizierten Haustier bereits die Tendenz innewohnt, zum Schlachtvieh zu werden.

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