Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Die deformierte Reform

Wien (OTS) - Die Rechtschreibreform ist zum perfekten Lehrstück geworden. Und zwar dafür, zu welch katastrophalen Ergebnissen beamtete Regelungswut führen kann. Milliarden sind im letzten Jahrzehnt sinnlos für Schul- und Wörterbücher, Kurse, Rechtschreibprogramme und vieles andere ausgegeben worden. Gleichzeitig wurde aber die missglückte Reform immer wieder neu reformiert und verursachte immer wieder neue unproduktive Kosten.

Aber ich gebe zu: "Kosten" und "produktiv" sind Begriffe, die man in den Hirnen der Reformer nicht finden wird. Wo sollte sie etwa ein österreichischer Landesschulinspektor auch gelernt haben? Diese Begriffe gelten ja sowieso nur für die niederen Stände: die Steuerzahler, die Wirtschaft.

Neben Kosten haben die Reformer nur eines erreicht: Der Rechtschreibgebrauch ist heute so uneinheitlich wie nie im 20. Jahrhundert. Zunehmend verunsichert pfeifen die Menschen auf das Ideal einer einheitlichen Schreibung und kehren zu Mozarts fröhlichem Chaos zurück. Daran ändert auch der Umstand nichts mehr, dass nun Schritt für Schritt die Reform zurückgenommen wird, die einst von provinziellen Geistern so laut als fortschrittlich bejubelt worden ist.

Das einzig Sinnvolle hatte man damals nicht gewagt: nämlich nach Schweizer Beispiel das "ß" ganz abzuschaffen. Dafür freute man sich kurzfristig, dass die Volksschulkinder weniger Fehler beim Schreiben machten. Was aber kein Wunder war, wenn etwa die Beistrichsetzung vielfach von einer Muss- zu einer Kann-Bestimmung geworden war. Man hat dabei nur übersehen, dass die für unwichtig erklärten Beistriche (wie übrigens auch die Großschreibung) beim Lesen enorm hilfreich sind. Korrekt mit Kommas strukturierte Texte sind viel leichter zu erfassen. Das hat man bei jenen Selbstbejubelungs-Tests freilich ignoriert. Jedoch: Bei den berühmten Pisa-Tests zehn Jahre später haben sich die Lese-Ergebnisse signifikant verschlechtert. Womit mag das nur zusammenhängen?

Die Moral von der Geschichte: Auch im kulturellen Bereich hat die Verstaatlichung absolut Schiffbruch erlitten. Und der Duden übernimmt wieder wie im ganzen 20. Jahrhundert die Wortführerschaft in Sachen Rechtschreibung: weniger pannenanfällig, weil behutsam, weil marktorientiert.

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