"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Farce um Kulterer" (Von FRANK STAUD)

Ausgabe vom 3. August 2006

Innsbruck (OTS) - Wien ist anders. Mit diesem Slogan wirbt die Bundeshauptstadt. Die Frage ist nur, was soll man dann über Kärnten sagen? Spätestens nach den jüngsten Skandalen von Ortstafeln bis Hypo Alpe-Adria versteht niemand mehr, wie dieses Bundesland geführt wird.

Jörg Haider ist mit Sicherheit das größte politische Talent, das Österreich je hervorgebracht hat, und nicht umsonst 20 Jahre nach dem Putsch am Innsbrucker FPÖ-Parteitag noch immer einer der Hauptakteure der heimischen Politik. Er kam und ging als Parteiobmann und Landeshauptmann, machte Wolfgang Schüssel zum Bundeskanzler und spaltete die FPÖ. An Haider scheint alles abzuprallen. Kanzler Schüssel hat Haider entzaubert, aber ohne Haider geht in Wien nach wie vor nichts.

Und in Kärnten ist Haider ohnedies Gesetz. Zumindest bis zur Nationalratswahl. Denn alle Experten sind sich einig: Sollte das BZÖ den Wiedereinzug in den Nationalrat schaffen, dann wohl nur über ein Grundmandat im Drau-Land.

Die Vorgänge bei der Hypo Alpe-Adria sind ebenso grotesk. Unter Wolfgang Kulterer wurde in kürzester Zeit aus einer Provinz- eine Vorzeigebank. Allerdings nur mit einer hoch riskanten Expansionsstrategie. Dass mit den gefährlichen Swap-Geschäften 300 Millionen Euro verspekuliert wurden, ist Fakt. Dass mit Kulterers Zustimmung diese Verluste auf Jahre portioniert nur stückweise in die Bilanzen einfließen sollten, ebenfalls. Dass Kulterer zurücktritt, ist korrekt.

Doch selbst dieser Vorgang gerät zur Farce. Um die Finanzmarktaufsicht ruhig zu stellen, machte Haider Kulterer zum Aufsichtsratschef, also zum obersten Kontrollor. Dann erfuhr die Öffentlichkeit von Kulterers Gagenfortzahlung bis 2011 - und schon legt Haider den Rückwärtsgang ein, brandmarkt den Banker als Privilegienritter.

Haiders Kärnten als bloß "anders" zu beschreiben, wäre stark untertrieben.staud@tt.com

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