"Kleine Zeitung" Kommentar: "Lehre aus dem Hypo-Desaster: 'Ein bissl Rücktritt' gibt es nicht" (Von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 03.08.2006

Graz (OTS) - Wer den Hut nimmt, darf ihn nicht gleichzeitig aufhalten. Zumindest diese Lektion hat der Noch-Chef der Kärntner Hypo Alpe-Adria-Bank, Wolfgang Kulterer, mit Verspätung gelernt. Indem er nun doch ab 2008 auf seine Vorstandsgage verzichtet, zeigt er wenigstens ein Mindestmaß an Einsicht. Soferne sich dahinter kein neuer Gagen-Trick verbirgt.

Ansonsten aber muss man Kulterer und Jörg Haider bescheinigen, das gemessen am Anlassfall größtmögliche Desaster rund um die Hypo-Affäre angerichtet zu haben. Was man in den letzten Tagen an skurrilen Kapriolen und peinlichen Volten rund um das Kärntner Finanzinstitut erlebt hat, schlägt alles Dagewesene.

Je mehr sich Haider und Kulterer aus der Affäre ziehen wollten, desto tiefer ritten sie die Bank hinein. Man fragt sich, wie sie überhaupt auf den krausen Gedanken kommen konnten, ihr Handeln würde als tätige Reue durchgehen. Halten die beiden die Allgemeinheit für total verblödet? Oder proben sie bereits für den Villacher Fasching?

Zur Erinnerung: Kulterer sollte nicht mehr als Bankchef arbeiten, wohl aber die volle Gage dafür kassieren. Wäre dies ein "Opfer", dann könnte man allen Werktätigen nur raten, sofort "Verantwortung" für das nächstbeste Defraudantentum in ihrer Umgebung zu übernehmen. Kulterer soll weiters zum Chef des Aufsichtsrates avancieren. Als Grund dafür nennt man ausgerechnet den bevorstehenden Hypo-Börsegang obwohl gerade bei Börse-Unternehmen gilt, dass ein Vorstand nicht als Aufsichtsrat weitermachen soll!

Damit aber nicht genug: Von Anfang an war klar, dass der Bankchef ohnedies nach kurzer Zeit wieder in den Vorstand zurückkehren will. Um dies nachhaltig zu unterstreichen, schickt die Grazer Wechselseitige (als Minderheitseigentümerin der Hypo) nun als Übergangslösung einen Teilzeit-Bankdirektor im Nebenerwerb über die Pack. Und für den nicht auszuschließenden Fall, dass Kulterer wegen Bilanzfälschung verurteilt wird, liegt bis dato noch kein Notfallplan vor.

Dass hinter solchen "Lösungen" handfeste Interessen stecken, ist klar. Die Hypo-Eigentümer wollen keinen Rechtsstreit mit Kulterer riskieren, weil sie dessen Vertrag erst im Jänner verlängert haben. Haider ist sowieso von der Bank abhängig, denn ohne Hypo-Börsegang platzt sein Landesbudget. Und Kulterer selbst? Er landete letztlich zwischen allen Fronten. Man kann bleiben, bis man verjagt wird, oder man kann freiwillig gehen. Aber "ein bissl" zurücktreten das kann man nicht. ****

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