"Presse"-Kommentar: Masse und Oberklasse im Salzburger Jubeljahr (von Norbert Mayer)

Ausgabe vom 3. August 2006

Wien (OTS) - 22 Mozart-Opern in fünf Wochen - mehr geht wirklich nicht. Die nächsten Festspiele sollten bescheiden sein.
Wo findet man das bessere Jubiläumsjahr 2006? In Wien oder in Salzburg? Wer in diesem Sommer die Festspiele in Mozarts Geburtsstadt besucht, dem ist klar: An profanem Glanz, an Dichte des Programms und Ehrgeiz ist Salzburg derzeit selbst von einer Großstadt der Musik nicht zu schlagen. Es erlebt soeben ein Rekordjahr, das auch vom ORF in seltener Intensität begleitet wird. (Drei Opernaufführungen, eine Reihe von Konzerten und viele Gespräche werden übertragen.) Und das neue "Haus für Mozart" hat eine tolle Akustik. Was will man mehr? In fünf Wochen finden 212 Veranstaltungen statt, für die annähernd eine Viertelmillion Karten aufgelegt wurden. Die Preise reichen bis 600 Euro - vom Schwarzmarkt-Niveau gar nicht zu reden -, doch das ist für das Stammpublikum offenbar kein Problem. Salzburg boomt. Die Opern waren bereits Anfang Juli zu mehr als 90 Prozent ausgebucht, selbst selten gespielte Jugendwerke Mozarts sind hoch begehrt.
51,4 Millionen Euro beträgt das Gesamtbudget für die Festspiele, da nehmen sich selbst die 30 Millionen Euro für das Wiener Mozart-Jahr, die in 12 Monaten verbraucht werden, bescheiden aus, wirken wie ein allzu langer Sicker-Prozess. In Salzburg hingegen brennt der scheidende Intendant Peter Ruzicka ein Feuerwerk ab, mit dem er offenbar Geschichte schreiben will. "Mozart 22", alle szenischen Werke des Jubilars an einem Ort in einer kurzen Saison -so etwas hat es noch nie gegeben.
Dieses Konzept, von vielen argwöhnisch beobachtet, geht offenbar auf. Denn es entzieht sich allein durch die Masse des Gebotenen der gewöhnlichen Kritik. Bei solcher Quantität wären sogar gelegentliche Mängel in der Qualität verzeihlich. Wer will es ihm verübeln, dass Ruzicka von seinem Prinzip abweicht, in Salzburg nur Eigenproduktionen zu spielen? Allein der komplexe Ablauf der Probenarbeit nötigt Respekt ab. Da wird es tatsächlich nachrangig, ob "Lucio Silla", eine Koproduktion mit Venedig, missglückt, ob die "Zauberflöte" weniger gelungen ist.
Ja sogar beim Top-Ereignis, beim live im TV übertragenen "Figaro" mit hochklassigem Ensemble wird die künstlerische Frage sekundär. Es überwiegt das Staunen über den gelungenen Gesamt-Event. Denn zur Aufführung gehört noch viel mehr als, sagen wir, zu einer erstklassigen Produktion an der Wiener Staatsoper. In Salzburg beginnt die große Oper, lange bevor die Luxus-Limousinen an der Hofstallgasse auffahren, und sie endet erst weit nach Mitternacht beim Szene-Wirten. (Man kann nur hoffen, dass die Köche diesmal beim "Figaro" das ziemlich zurückhaltende Tempo berechnet haben und die Hauben-Gerichte nicht unter der vorgerückten Stunde zu leiden hatten.)
Salzburg gibt sich 2006 ein außergewöhnliches Fest, zu dem auch das Schauspiel und das hochgeistige Symposium "Magazin des Glücks" Wesentliches beisteuern. Schade, dass Martin Kusej Salzburg nach dieser Saison verlässt und Österreich an sich den Rücken kehrt. Der Schauspiel-Chef hat sich diesmal erfolgreich der schwarzen Komödie verschrieben. Das bisher Gebotene, die von ihm inszenierte "Höllenangst" Nestroys und der von Dimiter Gotscheff eigenwillig interpretierte "Tartuffe" nach Molière, zeigen, dass man ein Festival mit wenigen, dafür haltbaren Aufführungen erfolgreich bestreiten kann.
Vielleicht ist das sogar richtungsweisend für die neue Intendanz. Die Salzburger Festspiele haben bisher trotz der faktischen Kürzung öffentlicher Gelder kräftig expandiert. Sie finanzieren sich zu 75 Prozent selbst, sie regen das Wachstum einer ohnehin bestens erschlossenen Region an. Es ist also müßig, dieses Fest für die Masse und die Oberklasse zu kritisieren. Man könnte sich aber fragen, ob man in diesem Stile weitermachen soll, ob aus künstlerischer Sicht nicht längst die Grenze des Wachstums erreicht ist, ob man die kritische Masse nicht bereits überschritten hat.
Der künftige Intendant Jürgen Flimm wird entscheiden müssen, ob es nach dem großen Ausnahmejahr 2006 nicht vernünftig wäre, die Ansprüche zumindest bei der Quantität etwas zurückzuschrauben. Salzburg verlöre nicht, sondern gewänne sogar noch an Glanz, wenn es die Zahl der Produktionen ein wenig reduzierte und zugleich darauf achtete, dass diese dem Ruf gerecht werden, hier werde garantiert Erstklassiges geboten. Dann könnte man sich umso ungezwungener dem Rummel um die Stars im "Figaro" und im "Jedermann" hingeben und gelassen beobachten, wie sich Wien vom Mozart-Jahr erholt.

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