"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: " Der Mythos Kuba" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 2. August 2006

Innsbruck (OTS) - Fidel Castro hat die Geschäfte seinem Bruder übertragen. Vorläufig. Denn el maximo lider hat ernste gesundheitliche Probleme, vielleicht ernster, als er die Welt wissen zu lassen bereit ist.

"Revolutionäre gehen nie in Pension", erkannte Castro schon in jüngeren Jahren. Tatsächlich ist es schier undenkbar, dass der große alte Mann des real existierenden Sozialismus sich wie ein x-beliebiger elder statesman zur Ruhe setzt. Kubas Schicksal ist seit 1959 untrennbar verknüpft mit dem des allmächtigen Präsidenten. Das ist in diesem Fall eine beschönigende Umschreibung für "Diktator", also Teil des Problems, vor dem der karibische Inselstaat schon jetzt steht und - wie jede Ein-Mann-Diktatur - erst recht stehen wird, wenn Castro stirbt.

Der bärtige Uniformträger gehört mittlerweile zur weltpolitischen Folklore des 20. Jahrhunderts. Dem USA-zentrierten Teil der Welt käme mit ihm ein Lieblingsfeind, ein lästiger Stachel im wohlgenährten Gesäß abhanden. Vielen Staaten Mittel- und Südamerikas andererseits gilt Kuba mit seinen relativ hohen Sozial-, Gesundheits- und Bildungsstandards als Modell. Und zahllose Europäer, die dem im weitesten Sinn linken Ideologiespektrum zuzurechnen sind, haben Kuba als Sehnsuchtsort diffuser Träume vom klassenlosen Paradies adoptiert.

Genährt wurde die Verklärung einerseits dadurch, dass das kubanische System - unter enormen Opfern, aber eben doch -ideologisch und wirtschaftlich den Zusammenbruch der Sowjetunion überlebt hat. Andererseits lässt sich die Mythologisierung konkret am Erfolg von Wim Wenders‘ Film über den von reizenden alten Männern bevölkerten "Buena Vista Social Club" (1999) festmachen. Die hingebungsvolle Pflege exotischer Volkstümlichkeit bildet einen wohligen (Klang-)Teppich, unter den ungemütliche Wahrheiten gekehrt werden. Zum Beispiel die erste und einfachste, dass Regimes grundsätzlich suspekt sind, die dem Volk die Gedankenfreiheit verweigern.

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