DER STANDARD-Kommentar "Kärntner Event-Kultur" von Renate Graber

"Banker Wolfgang Kulterer und seine Beschützer leben in der falschen Welt" - Ausgabe 2.8.2006

Wien (OTS) - Eines muss man den Kärntner Landesbankern, die gestern, Dienstag, in einer beinahe kultigen Rücktrittsveranstaltung ein kleines Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben haben, lassen:
Sie haben schlicht Schadensmaximierung betrieben; dem finanziellen Verlust, der ihrer Bank durch schief gelaufene Spekulationsgeschäfte 2004 entstanden ist (rund 328 Millionen Euro), den ideellen Schaden des Nichtverstehens der aktuellen Wirtschaftsverfassung hinzugefügt.

Mit der Vorstellung, die sie rund um den Wechsel Wolfgang Kulterers, des amtierenden Generaldirektors der mehrheitlich in Landeseigentum stehenden Hypo Alpe-Adria-Bank, in den Aufsichtsrat gegeben haben, haben sie eines klar wie Wörtherseewasser gemacht: Die Regeln, Vorschriften, Gesetze und Gesetzmäßigkeiten, unter denen sie in Zeiten der Corporate Governance nun einmal stehen, haben sie bestenfalls verdrängt.

Es scheint, als wäre in Kärnten die Zeit stehen geblieben. Als würde dort die Existenz des Bankwesengesetzes, das den Managern eben bestimmten Aufgaben, Sorgfalts- und Informationspflichten auferlegt, nicht ganz ernst genommen. Ganz abgesehen davon, dass behördliche Verfahren wie jenes der Finanzmarktaufsicht, die Kulterers Absetzung betrieben hatte, sportlich als "Matches" ausgelegt werden, wie das der passionierte Reiter Kulterer tut.

Andere österreichische Banken und Unternehmen haben längst erkannt, dass sie im Zeitalter der Transparenz angekommen sind, und versuchen zumindest, sich dementsprechend zu verhalten. Sie informieren, sie passen sich den strengen Spielregeln des Kapitalmarkts an - im Idealfall auch dann, wenn sie nicht börsennotiert und daher den Regeln der viel beschriebenen "Corporate Governance" unterworfen sind.

Nicht so in der Kärntner Hypo, nicht so bei ihren Eigentümern rund um das Land und die Grazer Wechselseitige Versicherung Grawe, nicht so in ihrem Aufsichtsrat.

Dort nennt der Aufsichtsratschef des Instituts, das fast 330 Millionen Euro verzockt hat, und gegen dessen Vorstand das Gericht wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung ermittelt, die Causa "einen Betriebsunfall". Ein "Schock", wenn so etwas auffliegt (weil die Wirtschaftsprüfer erstmals in der Geschichte des österreichischen Bankwesens ein Testat zurückziehen), als hätte man "die eigene Frau mit einem anderen im Schlafzimmer ertappt", wie Noch-Präsident und Wirtschaftstreuhänder Karl-Heinz Moser sagt. Da passt es, dass es nur um "ein Event" geht (Kulterer), das halt leider ein bisschen schief gegangen ist.

Doch statt sich ernsthaft mit den nun anstehenden Fragen der Veranwortung zu stellen, lecken die Mitspieler der Kärntner Bankenfarce traurig ihre Wunden ("Die Pionierzeit ist vorbei", sagt der zurückgetretene Vizechef der Bank, Günter Striedinger) und bringen ihre "Opfergaben" (Moser) am Altar der modernen Finanzwirtschaft dar.

Doch das Opferlamm in Jörg Haiders Kärntnerland muss nicht allzu sehr bluten. Zwar erscheint Kulterer der Aufsicht als Bankenchef nicht tragbar, den Eigentümern erscheint er als Aufsichtsratschef, der die Geschäfte des nächsten Vorstands zu kontrollieren hat, aber als ideal.

So gesehen ist es nur konsequent, dass sie ihm, dessen Vertrag erst vor einem halben Jahr um weitere fünf Jahre verlängert wurde, die Vorstandsgage auch gleich weiterzahlen.

Wolfgang Kulterer ist trotzdem nicht zu beneiden. Er hat die Bank in 22 Jahren groß und stark gemacht; das muss man ihm neidlos zugestehen. Gestolpert ist er über einen Fehler, wie er vorkommen kann; gefallen ist er über einen Mangel an Einsicht, was Managen letztlich bedeutet: zu seinen Taten stehen. Den besten Beweis dafür hat er bei seiner Rücktrittsvorstellung selbst geliefert: "In den USA wäre ich angesichts des Erfolgs und Wachstums der Bank ein reicher Mann." Was er vergisst: Über Fehler, wie sie wohl in der Kärntner Bank passiert sind, denken betroffene US-Manager hinter schwedischen Gardinen nach.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001