Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Koalitions-Wähler

Es ist eine der seltsamsten Kandidaturen, die je ein Wahlkampf gesehen hat: kein Programm, keine Mannschaft, aber die flächendeckende Unterstützung der größten Zeitung des Landes - und einen wirren Selbstdarsteller an der Spitze, der noch jeden schwer beschädigt hat, der ihm die Hand gereicht hat (von der SPÖ bis zu Karin Resetarits).

H.P. Martin ist das Gegenstück zu H.C. Strache. Populisten vom äußersten Rand des politischen Spektrums sind sie beide. Dass der eine als links gilt und der andere als rechts, ist gleichgültig:
Dort, wo diese zwei politisch unterwegs sind, verschwimmen die Unterschiede.

Explosiv aber sind die Konsequenzen von Martins Antreten: Erstens sinken die Chancen der SPÖ weiter, Nummer eins zu werden, da ein Teil der Martin-Stimmen von ihr kommen wird. Zweitens steigen zugleich die Chancen auf eine linke Dreierkoalition. Denn seine übrigen Wähler wird Martin bei den frustrierten Politikhassern seines rechten Zwillings Strache finden

Die Realisierung einer solchen Koalition hängt allerdings von zwei Bedingungen ab: Zuerst darf Martin nicht an der Vier-Prozent-Hürde hängen bleiben. Und dann müssen Rot wie Grün ihre Aversionen gegen einen Radikalpopulisten à la Strache in einem Akt der doppelten Doppelmoral vergessen. Lehnen Rot oder Grün (so wie ihre deutschen Schwestern bei der Linkspartei) das jedoch ab, dann ist eine große Koalition sehr wahrscheinlich.

Nun ist für Wähler der Kleinparteien relativ klar, welcher Koalitions-Variante sie durch eine Stimmabgabe helfen - egal, ob sie das auch so beabsichtigen): Eine orange Stimme heißt: Schwarz-Orange; eine blaue heißt: Schwarz-Rot; eine grüne heißt: Rot-Grün-Martin (wenn das unmöglich ist: Schwarz-Grün); eine für Martin heißt:
Rot-Grün-Martin (wenn das unmöglich ist: Schwarz-Rot).

Bei ÖVP und SPÖ sind hingegen viel mehr Koalitionsvarianten möglich. Was angesichts ihrer Größe legitim ist. Dennoch werden beide zu Martin deutlicher Stellung beziehen müssen als bisher. Wer Strache für nicht bündnisfähig erklärt (und wer, wie die SPÖ, das auch beim BZÖ tut), muss erst erklären, wenn er das bei Martin nicht tut. Und er muss erklären, wie eine Regierung mit Martin handlungsfähig sein soll.

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