WirtschaftsBlatt Kommentar vom 2. 8. 2006: Mattes Duell um die ORF-Spitze - von Angelika Kramer

Der ORF braucht dringend einen echten Neuanfang

Wien (OTS) - Monika Lindner gegen Wolfgang Lorenz lautet also das Duell der aussichtsreichsten Kandidaten um die Spitze am Küniglberg. Eine enttäuschende Ausbeute nach Ende der Bewerbungsfrist für einen der einflussreichsten Posten in diesem Land, den Generaldirektor im ORF. Denn grosse Namen, internationale Medienexperten blieben der Ausschreibung völlig fern. Es wird also - so nicht noch ein Wunder passiert - auf ein rein ORF-internes Duell hinauslaufen. Die amtierende Generaldirektorin tritt gegen ein ORF-Urgestein, den jetzigen Programmplaner, an. Eine Generaldirektorin, in deren Amtszeit die Verflechtung des Fernsehens mit der Politik von den eigenen Mitarbeitern öffentlich angeprangert wurde und die ständig sinkende Marktanteile vorzuweisen hat. Sie also kämpft gegen ihren amtierenden Programmdirektor, dem die ORF-Seher Glanz-Formate wie "Sturm der Liebe" oder unendlich Unterhaltsames wie den "Winzerkönig" zu verdanken haben.

Dabei bräuchte der ORF gerade jetzt nichts Dringenderes als einen echten Neuanfang. Einem in ihrer Bewerbung vorgelegten Konzept von Lindner, in dem alles bisher Dagewesene umgekrempelt wird, kann man nur bedingt Glauben schenken. Sie hatte ja schliesslich fünf Jahre Zeit, ein derartiges Konzept selbst umzusetzen. Stattdessen schien es der Generaldirektorin stets wichtiger, in den ORF-Seitenblicken in illustrer Begleitung von Raiffeisen-General Christian Konrad oder des niederösterreichischen Landesfürsten Erwin Pröll präsent zu sein. Zwar ist ihr Hauptrivale Lorenz nicht so oft in Promi-Kreisen gesichtet worden, dafür hatte auch er als Programmchef Gelegenheit genug, zumindest einen wichtigen Bereich unseres täglichen Fernseherlebnisses - mit nur mässigem Erfolg - mitzugestalten. Beiden Kandidaten fehlt es also an Glaubwürdigkeit, einen "ORF neu" gut auf Schiene zu bringen.

Der Grund für das Ausbleiben ernst zu nehmender Alternativkandidaten liegt auf der Hand: Kein international erfolgreicher Manager will sich in die Tiefen der österreichischen Politiksümpfe hineinwagen. Genau hierin läge aber die Chance dieser ORF-Wahl: Endlich einmal ein Bekenntnis zu einem objektiven, unparteiischen Fernsehen abzugeben und einen starken, unabhängigen, nicht schon im Sumpf verstrickten Manager an die ORF-Spitze zu holen. Möge der Stiftungsrat also alle überraschen und bis zum 17. August interessante Nachnominierungen präsentieren.

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