"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Freiheitskämpfer" (Von FLOO WEISSMANN)

Ausgabe vom 1. August 2006

Innsbruck (OTS) - Die Feuerpause und der Dreipunkteplan der USA
für den Nahen Osten bestätigen zwei alte Weisheiten. Erstens: Nur Amerika verfügt über ausreichend Einfluss auf Israel, um die mächtigste Militärmaschine der Region vorübergehend einen Gang zurückzuschalten.

Zweitens: Die USA unterstützen im Prinzip Israels Verteidigungsstrategie und haben deshalb der Libanon-Offensive mehr als zwei Wochen lang zugeschaut. Nur wenn der eigene Imageschaden bedenklich anwächst, zieht Washington die Notbremse. Das Massaker von Kana mit mehr als 50 toten Zivilisten am Sonntag war so ein Wendepunkt.

Mit Einsehen oder Umdenken hat das nichts zu tun. Ohne das Massaker von Kana liefe die Libanon-Offensive mit Rückendeckung aus den UAS auf Hochtouren weiter. Washington und Jerusalem eint die doppelte Fehleinschätzung, dass ihre Gegner im Nahen Osten nichts als Terroristen seien und dass diese militärisch besiegt werden könnten. US-Präsident Bush lieferte erst am Samstag eine Kostprobe dieses Denkens, als er den Libanon als "jüngsten Flammenherd im größeren Kampf zwischen Freiheit und Terror" bezeichnete.

Für die meisten Menschen im Nahen Osten dürfte dies klingen, als lebte Bush auf einem anderen Planeten. Es wird kaum Libanesen oder Palästinenser geben, die israelische Soldaten als Kämpfer der Freiheit ansehen, und der Irak versinkt seit der US-Invasion immer tiefer im Chaos. Der US-Präsident allerdings erweist sich als immun gegen die triste und komplexe Realität: "Wir haben eine Vorwärtsstrategie der Freiheit für den Nahen Osten eingeschlagen, die Umwälzungen zum Besseren für Millionen in Gang gebracht hat."

Das Massaker von Kana könnte dazu führen, dass die Offensive im Libanon früher endet als geplant. Doch langfristige Verbesserungen kann es erst geben, wenn auch Bush auf diesem Planeten angekommen ist.

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