DER STANDARD-KOMMENTAR ""Baby-Terroristen" gibt es nicht" von Erhard Stackl

Israels Gegenwehr hat Grenzen, auch wenn sich die Hisbollah im Volk versteckt - Ausgabe vom 1.8.2006

Wien (OTS) - Frei sprechend und eloquent verteidigte der
israelische UNO-Botschafter Dan Gillerman im Weltsicherheitsrat die Position seines Landes. Das Dorf Kana sei eine Hochburg der Hisbollah gewesen, sagte er nach der weltweites Entsetzen hervorrufenden Bombardierung und Tötung vieler Bewohner dieses Ortes. Aus Ka-na seien Raketen auf Israel abfeuert worden. Die Hisbollah missbrauche Menschen als Schutzschilde. Für ihre Anhänger sei jedes getötete israelische Kind ein Grund zu feiern, für Israel sei jedes tote libanesische Kind "ein schrecklicher Fehler und eine Tragödie".
Die Argumente Israels zerschellen aber an der Macht der Fernsehbilder und deren Botschaft: Die israelischen Luftangriffe töten im Libanon viele Kinder. Und wenn sich Terroristen auch absichtlich in ihrer Nähe aufhalten, wenn sie noch aus ihrem Tod politischen Kapital schlagen - die Kinder können nichts dafür. Sie waren nur da. Sie wurden getroffen. Sie sind tot.
Als der seit Monaten im Koma liegende Ariel Sharon 1982, damals noch Verteidigungsminister, eine viele Opfer kostende Invasion des Libanon befehligte, um die PLO zu vernichten, erntete er in US-Medien höhnisch-bittere Kommentare, er mache Jagd auf "Baby-Terroristen". In den vergangenen Jahren hat es der altersweise gewordene Soldat Sharon als Premier vermieden, auf Provokationen der Hisbollah mit der vollen Militärmacht Israels zu reagieren. Seine Regierung stimmte sogar einem Gefangenenaustausch mit der Hisbollah zu. Nach deutscher Vermittlung übergab die Hisbollah 2004 einen israelischen Geschäftsmann und drei tote Soldaten, im Gegenzug ließ Israel 400 Gefangene frei. Damals hieß es, dass US-Druck auf Syrien diesen Deal ermöglicht habe.
Gegenwärtig wünschen sich nicht wenige Israelis, die Sharon ihr ganzes Leben lang, (besonders aber wegen dessen Mitverantwortung für das Massaker in den libanesischen Palästinenserlagern Sabra und Shatila 1982) abgelehnt haben, den alten Haudegen zurück. Sie vermuten, dass Premier Ehud Olmert und sein Verteidigungsminister, Labour-Chef Amir Peretz, so massiv vorgegangen sind, weil sie zuvor keine militärischen Spitzenfunktion innehatten und nun Härte zeigen müssen.
Die Feuerpause bei den Luftangriffen, die nach der tragischen Bombardierung von Kana und dem folgenden internationalen Aufschrei von den USA vielleicht doch noch durchgesetzt werden kann ("Amerika trauert um den Verlust unschuldigen Lebens", sagte Präsident Bush), sollten sie zur Reflexion nützen.
Es ist eine Tatsache, dass nationalistisch, religiös oder ideologisch motivierte Untergrundbewegungen, die einen starken Rückhalt in der Bevölkerung haben, militärisch kaum zu besiegen sind. Wie man von den langlebigen Guerillabewegungen Lateinamerikas weiß, haben dort autoritäre Regimes versucht, auf völkerrechtswidrige und inhumane Weise ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten - und sind daran gescheitert.
Zur Lösung sind immer auch Verhandlungen nötig. An Israels Nordgrenze bot sich dazu früher Syrien als Regionalmacht an, an der gemeinsamen Grenze kommt es seit Jahrzehnten zu keinen Konflikten. In der Vergangenheit trat Syrien auch als Garant von Vereinbarungen im Libanon auf, derzeit lehnen die USA und Israel jeglichen Kontakt mit Damaskus ab.
Neu am gegenwärtigen Konflikt ist zweierlei: die Hochrüstung der Hisbollah mit weit reichenden Raketen, deren Ausmaß von den Israelis offenbar nicht zeitgerecht richtig eingeschätzt worden ist.
Dazu kommt, dass nach dem Ausfall der arabischen Regionalmacht Irak der Iran in die rücksichtslos-revolutionäre Phase der frühen Khomeini-Jahre zurückfällt. Mit Teheran zu Vereinbarungen zu kommen scheint derzeit viel schwieriger zu sein, als es mit Syrien je war. Gab es früher, etwa bei der Unterstützung des Diktators Saddam Hussein, in Nahost zu viel westliche Realpolitik, so ist es nun zu wenig. Herbeibomben lässt sich ein "neuer Naher Osten" aber offenbar nicht.

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