"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zukunft ohne Kinder" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.7.2006

Graz (OTS) - Jeder dritte Österreicher wird in dreißig Jahren sechzig und älter sein. Für viele Betroffene wird das geriatrisch nicht weiter schlimm sein, denn sie werden so gut drauf sein wie ein Vierzigjähriger im 19. Jahrhundert oder ein Fünfziger heute. Für den Staat jedoch ist die Kopf stehende Pyramide ein horrendes geometrisches Gebilde: Die Überalterung unterspült die Fundamente des Sozialstaates. Das Nein zum Kind entzieht dem Generationenvertrag die Geschäftsgrundlage.

Welche Optionen hat der Staat? Zunächst: Er soll und darf nicht in die Selbstbestimmung des Einzelnen eingreifen. Der Respekt vor dem individuellen Lebensentwurf ist ein Gebot der Toleranz, das in der hitzigen Debatte bisweilen unter die Räder kommt. Viele, vor allem ungewollt Kinderlose, fühlen sich unter Druck gesetzt. Das hilft niemandem: Stigmatisierung schafft kein kinderbejahendes Klima.

Der Staat darf also nicht moralisch richten. Wohl aber muss er auf die Folgen von Willensentscheidungen hinweisen. Wenn die Jungen mit ihren Beiträgen die Pensionen der Älteren sichern sollen, kann es dem Staat nicht egal sein, ob sich die Gesellschaft reproduziert oder ob sie vergreist. Vielmehr muss der Staat, will er sich erhalten, alles tun, um das Ja zum Kind zu erleichtern. Er hat hier eine Ermutigungspflicht. Er müsste Familien radikal privilegieren, tut es aber noch immer nicht: Sonst gäbe es nicht fehlende Kinderkrippen, sündteure Kindergärten, Öffnungszeiten, die berufstätige Eltern vor den Kopf stoßen, oder Schulen, die die Kinder zu Mittag in leere Elternhäuser entlassen. Hinzu kommt eine auf das Hier und Jetzt bezogene Grundhaltung, die Kinder nicht mehr als etwas Beglückendes wahrnimmt, auch nicht als eine Dimension, die über die Begrenztheit des eigenen Lebens hinausführt.

Wenn das so bleibt, wird der Staat den Bürgern klarmachen müssen, was das für die Fundamente des Sozialsystems bedeutet. Etwa: Dass der Staat die Last des steigenden Pflegebedarfs älterer Menschen nicht mehr tragen wird können. Dass er diese Bürde rechtzeitig an die Bürger in Form einer verpflichtenden Pflegeversicherung weitergeben muss. Und jetzt die brennende Lunte: Wer kinderlos bleibt, sollte geringfügig mehr einzahlen. Eine Bestrafung, die die Gesellschaft entsolidarisiert?

Das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine eigennützige Solidarleistung an den Staat, auf dessen Einrichtungen die Kinderlosen einmal angewiesen sein werden, weil ohne das familiäre Netz niemand da sein wird, der die Hilfsbedürftigen in ihre Obhut und Pflege nimmt. Jede künftige Regierung wird darüber nicht mehr hinweg schweigen können. ****

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