"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der gedopte Tour-Sieger hat zahlreiche Heuchler entlarvt" (von Gerald Pototschnig)

Ausgabe vom 28.07.2006

Graz (OTS) - Floyd Landis hat vergangenen Sonntag in Paris ein in jeder Hinsicht schwieriges Erbe seines in vielerlei Hinsicht umstrittenen US-Landsmannes Lance Armstrong angetreten. Denn die sieben gelben Trikots von Armstrong haben hässliche Flecken, seit in eingefroren gewesenen Urinproben von seinem ersten Tour-Sieg 1999 EPO-Spuren entdeckt worden waren.

Auch Floyd Landis ist bereits unter pauschalem Doping-Verdacht an den Start der Tour gerollt. Schließlich war gerade sein schweizerischer Phonak-Rennstall schwerst vorbelastet. Tyler Hamilton, Santiago Perez sowie Sportchef Alvara Pino waren bereits gesperrt. Da tauchten auf den schwarzen Listen der spanischen Guardia Civil auch noch die Phonak-Profis Jose Gutierrez und Santiago Botero auf.

Landis war bisher auf keiner Liste zu finden. Die Frage, ob bei seinem Triumph alles so sauber gelaufen sei, musste er sich aber spätestens nach seinem bravourösen Solo-Sieg auf der letzten Alpen-Etappe in Morzine gefallen lassen. 24 Stunden, nachdem Landis auf der Stelle getreten und zehn Minuten verloren hat.

Zu einer Message in eigener Sache, zu klaren Worten für die Tour, den Radsport und gegen Doping war Landis auch nicht zu bewegen. "Dazu sage ich nichts", blockte Landis ab. Womit er sich heute den Vorwurf der Heuchelei erspart.

Einer Heuchelei, hinter der sich Radsport, Tour de France, Dopingfahnder und Behörden so gerne verstecken. Von wegen spannendster Tour. Von wegen abschreckender Wirkung durch die der Doping-Affäre zum Opfer gefallenen Favoriten Jan Ullrich und Ivan Basso. Von wegen plötzlich sogar unangetastet gebliebener Grauzonen zwischen Medizin und gezieltem Doping.

Prominenter als durch Floyd Landis hätten die Tour de France, der Radsport und alle, die damit zu tun haben, nicht entlarvt werden können. Die Kontrollsysteme sind lückenhafter denn je. Die Laboratorien der Dopingjäger kämpfen vergeblich gegen die Pharma-Industrie, für die Doping zum Milliardengeschäft geworden ist. Anti-Dopinggesetze sind in Schein-Paragraphen abgefasst. Und jene Dopingspuren in Blut und Urin, nach denen heute gesucht wird, sind bereits von vorvorgestern.

Die selbst ernannten Saubermänner von Tour de France und Anti-Doping-Agenturen haben geglaubt, den Radsport eingeholt zu haben. Irrtum! Denn darauf, dass sie Floyd Landis erwischt haben, brauchen sich die Dopingjäger nichts einzubilden. Es zeigt, welchen Rückstand sie noch immer haben. ****

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