WirtschaftsBlatt Kommentar vom 28. 7. 2006: Libanon: Rationalität ist gefordert - von Herbert Geyer

Was Populisten aller Farbschattierungen einfällt…

Wien (OTS) - Erstens: Falls es sich bei dem Bombenabwurf auf den UNO-Beobachtungsposten von Khiyam im Südlibanon um einen gezielten Anschlag auf die neutralen Beobachter gehandelt hat, wäre das ein Kriegsverbrechen, das die Staatengemeinschaft mit schärfsten Konsequenzen verfolgen müsste.

Zweitens: Es gibt dafür bisher nicht den Funken eines Beweises. Es ist auch kaum ein (politischer) Vorteil auszumachen, den Israel aus der Ermordung von UNO-Beobachtern ziehen könnte.

Drittens: Dass der UNO-Sicherheitsrat sich zu keiner Verurteilung des Bombenabwurfs aufraffen kann, ist trotzdem blamabel - für die USA, die einen solchen Beschluss blockieren. Zumindest hat Israel in Kauf genommen, dass für die Hisbollah bestimmte Bomben auch UNO-Beobacher treffen.

Viertens: Was den wahlkämpfenden Populisten aller Farbschattierungen zu dem tragischen Vorfall einfällt, ist unter jeder Kritik. Dass "rechtsradikale Kleinparteien", die "Israel angreifen, weil man nicht ,Jude' sagen will, um sich keinem Antisemitismusvorwurf auszusetzen" (Replik der Israelitischen Kultusgemeinde), die Aussetzung der diplomatischen Beziehungen zum Judenstaat fordern, überrascht ja nicht. Aber dass auch die SPÖ den Vorfall zum Anlass nimmt, um eine künftige Teilnahme von Österreichern an friedenssichernden Massnahmen in der Region vorweg auszuschliessen, stellt ihre Qualifikation für eine Übernahme von Verantwortung in diesem Land in Frage.

Fünftens: Wenn schon im Krisengebiet selbst offenbar jegliche Rationalität ausgeschaltet zu sein scheint - glaubt Israel wirklich, durch Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Libanon und im Gaza-Streifen die Bedrohung durch radikale Gruppen in diesen Gebieten zu bekämpfen? Jeder israelische Bombentreffer schafft neue Sympathisanten für Hamas und Hisbollah -, sollte zumindest der Rest der Welt kühlen Kopf bewahren.

So ist es momentan nicht wirklich rational, über eine Eingreiftruppe - egal ob UNO oder NATO - nachzudenken: Ohne Zustimmung der USA ist eine solche Truppe jedenfalls nicht möglich. Und wenn die USA aufhören würden, Israel in seinem irrationalen Vorgehen gegen die Nachbarn den Rücken zu stärken, wäre sie auch nicht mehr nötig.

Der einzig rationale Ausweg wäre, endlich über nicht-militärische Lösungsmöglichkeiten für den Nahost-Konflikt nachzudenken. Dass militärische Lösungen keine sind, haben die vergangenen 60 Jahre zur Genüge bewiesen.

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