"Die Presse" Leitartikel: "Dieser Weg, der wird kein leichter sein..."(von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 28.7.06

Wien (OTS) - Die AUA hat in eineinhalb Jahren 202 Millionen Euro "verflogen". Pro Tag wären das 369.000 Euro Verlust.

Wer sich etwas näher dafür interessieren sollte, wie es den Austrian Airlines denn eigentlich so geht, hält sich am besten an Alfred Ötsch, den neuen Chef der Fluglinie. Dieser umriss die Aussichten für die Fluglinie vor wenigen Tagen so: "Das Jahresergebnis wird abhängig von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen voraussichtlich besser als im Vorjahr ausfallen." Hört sich doch ganz passabel an. Freilich nur, wenn man mit den Details nicht so vertraut ist und nicht genau weiß, was denn "besser als im Vorjahr" heißen soll. Gemeint ist: weniger als 130 Millionen Euro Verlust.
Dieses Ziel zu erreichen ist alles andere als ein Spaziergang. Immerhin wurden allein in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres 72 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Das ist zwar weniger als die Analysten erwartet haben, deshalb aber immer noch eine ganze Menge Geld. Die AUA hat also in den vergangenen 18 Monaten 202 Millionen Euro "verflogen". Täglich wären das an die 369.000 Euro Verlust. Höchste Zeit, mit ein paar gängigen AUA-Missverständnissen aufzuräumen.
- Missverständnis eins: "Die Austrian Airlines sind ein Optimierungsfall." Bei dieser von AUA-Chef Ötsch im April getroffenen Zustandsanalyse dürften wir es mit einer krassen Fehleinschätzung zu tun haben. Die Fluglinie zeigt nämlich alle Symptome eines Sanierungsfalls. Allen voran jenes, dass sie von jedem "externen Schock" bis ins Mark getroffen und tief in die Verlustzone gerissen wird. Wie etwa von Terrorschlägen oder hohen Kerosinpreisen.
Nun ist es ja so, dass hohe Treibstoffpreise kein österreichisches Phänomen sind. Alle Fluglinien haben damit zu leben. Der feine Unterschied zwischen den gesunden und den kranken liegt eben darin, dass erstere damit ganz gut zurecht kommen. Selbst die marode Swiss, die vor fünf Jahren eine viel beachtete Pleite hingelegt hat, flog im ersten Halbjahr 48 Millionen Euro Gewinn ein. Das sagt zwar nicht alles, aber eine ganze Menge. Etwa, wohin die Reise für ewige Sanierungsfälle geht: Weg von losen Allianzen, hin zu echten Beteiligungen. Die Lufthansa hat die Swiss unter ihre Fittiche genommen, ihre Strategie bei der Schweizer Tochter gnadenlos durchgedrückt und die Swiss damit - und dank des starken Franken. in die Gewinnzone geführt. Schwieriges Umfeld hin oder her.
- Missverständnis zwei: "Die AUA kann alleine überleben." Die Eigenständigkeit der AUA wird spätestens nach der Nationalratswahl im Oktober ein Ende haben. Nicht zuletzt deshalb, weil auch das laufende Jahr in tiefroten Zahlen enden wird. Es gibt nämlich keinerlei Hinweise auf sinkende Treibstoffpreise. Und Terrorschläge sind täglich möglich. Zudem treiben die hohen Verluste auch abgebrühten Eigentümern den Angstschweiß auf die Stirn. An der Börse ist die AUA gerade einmal 221 Millionen Euro wert. Das ist knapp ein Zehntel des Jahresumsatzes und weniger als der Wert der Flotte. Weshalb das Gros der AUA-Aufsichtsräte die Zeit zum Handeln längst gekommen sieht -wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.
- Missverständnis drei: "Wenn die AUA schon Partner braucht, dann doch bitte eine österreichische Lösung." Das klingt zwar sehr sympathisch, brächte der AUA aber genau gar nichts. Als Partner kommen neben Banken nämlich vor allem die Länder Wien und Niederösterreich in Frage. Letztere haben auch höchstes Interesse, den Einstieg eines Ausländers bei der AUA zu verhindern. Die beiden Länder sind schließlich die größten Einzelaktionäre des Wiener Flughafens. Und dieser verdient an der defizitären AUA ganz prächtig. Schnappte sich nun die Lufthansa die AUA, klingeln die Kassen nicht mehr am Wiener Flughafen, sondern in München und Frankfurt. Das wäre mit einer "Verländerung" der AUA zu verhindern. Gut für den Flughafen, gut für die Länder, schlimm für die AUA. Einzig zählbares Ergebnis wäre die Re-Politisierung der AUA. Wie sollten die beiden Länder der Fluglinie auch dabei helfen, die Last hoher Kerosinpreise zu verkraften?

Zugegeben, diese Analyse steht nicht im Verdacht, von überschäumendem Optimismus getragen zu sein. Wie denn auch? Bei der AUA brennt der Hut. Die AUA-Führung ist bemüht, das Feuer zu löschen. Was fehlt, sind klare Botschaften an die Belegschaft. Etwa, dass die Eigenständigkeit einen verdammt hohen Preis hat. Etwa die Straffung des Streckennetzes, den Abbau von Personal und die Kürzung von Gehältern. Wer diesen Preis nicht zu zahlen bereit ist, wird die sympathische Fluglinie bald vom Wiener Rathaus und dem St. Pöltner Landhaus aus gelenkt sehen. Dann lieber gleich von der Lufthansa.

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