"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Bieröffner und andere Schnapsideen" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 28.07.,2006

Wien (OTS) - In fast jedem Garten glühen derzeit die Griller auf sommerlichen Hochtouren und verbreiten die unterschiedlichsten Gerüche. Ungefährlich ist das nicht: Alljährlich endet der Spaß für fast tausend Österreicher (die -innen sind diesbezüglich in der Minderheit) mit Brandwunden oder gar im Spital.
Das lässt die Bürokraten nicht ruhen: Seit 1. April 2006 - man beachte den Termin! - sind neue Normen in Kraft. "In den Anforderungen und Prüfverfahren dieser Norm bleibt kein Aspekt ausgeklammert: Von der Standsicherheit des Grillers über die Tiefe des Brennstoffbehälters, die Abmessungen des Grillspießes, die Stabilität des Rostes bis hin zur Qualität von Holzkohlen und Briketts und die chemische Zusammensetzung von Anzündhilfen ist alles behandelt", preisen die Verfasser ihre Arbeit.
Nein, das ist kein Aprilscherz. Es handelt sich dabei um die Eigenwerbung des Österreichischen Normungsinstituts für die vierteilige "Önorm EN 1860", die um schlappe 231 Euro und 51 Cent auf CD zu haben ist.
Das ist natürlich noch lange nicht alles. Genormt sind beispielsweise auch die "Anforderungen an die Ausbildung von Wellnesstrainern" oder die "Tragfähigkeit von Gepäckträgern für Fahrräder", egal, ob sie nun "am Hinterrad oder über bzw. neben dem Vorderrad montiert" sind. Voller Stolz hat das Europäische Komitee für Normung (kurz: CEN) heuer am 22. März die Veröffentlichung der zehntausendsten Europäischen Norm bekannt gegeben. Sie betraf übrigens ein Prüfverfahren für Zuckerersatz. Insgesamt hat CEN nach Angaben des Normungsinstituts allein im Vorjahr "annähernd" 1350 europäische Normen publiziert.
Ganz genau weiß man die Zahl offenbar selbst nicht - vielleicht sind die Verantwortlichen vor lauter Veröffentlichen nicht zum Zählen gekommen. Immerhin wurden 2005 ja täglich - Wochenenden und Feiertage mit eingeschlossen - 3,7 Normen publiziert. Da verliert man leicht die Übersicht.
Nicht die Übersicht verlieren dürfen allerdings die Erzeuger all jener Produkte, die da streng genormt die Geschäfte füllen. Wenn es tatsächlich um die Sicherheit der Konsumenten geht, ist das ja noch einzusehen: Schutzhelme, elektrische Geräte oder fliegende Bauten sollten ja wirklich gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Fliegende Bauten sind übrigens im Norm-Jargon Zelte mit einer Grundfläche von mindestens 50 Quadratmetern.
Aber müssen die Abmessungen eines Grillspießes wirklich genormt sein? Oder die Bezeichnungen von Brillenfassungen oder - man höre und staune - die Maße von Kronenkorköffnern? In der Önorm EN 14789 sind einheitliche Maße für Flaschenöffner festgelegt. Sie sind "zum Öffnen von 26-mm-Kronenkorkverschlüssen geeignet, die auf Flaschen entsprechend den Önormen EN 14634 (Verpackungen aus Glas; Kronenmundstück 26 H 180) und EN 14635 (Kronenmundstück 26 H 126) passen".
In diesem Sinne: Prost auf soviel Schnapsideen! Es lebe die Normen-Bürokratie!

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