"Kleine Zeitung" Kommentar: "Menschenwürde als Grenze für den medizinischen Fortschritt" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 26.07.2006

Graz (OTS) - Wann wird der Mensch ein Mensch und hat er auch ungeboren eine unaufgebbare Würde? Drei Ereignisse in den letzten Tagen erfordern es, diese Frage grundlegend zu erörtern:

- In den USA blockierte Präsident George Bush per Veto einen Beschluss des Kongresses zur Ausweitung der embryonalen Stammzellenforschung.

- In Brüssel rang sich die EU dazu durch, die Förderung der Forschung mit menschlichen Stammzellen zwar nicht grundsätzlich zu stoppen, aber doch deutlich einzuschränken.

- In Österreich schließlich verurteilte das Höchstgericht einen Arzt zu Unterhaltszahlungen für ein behindertes Kind, weil er es verabsäumt haben soll, die Mutter ausreichend über die Risiken der Schwangerschaft aufzuklären.

Es wäre ein Leichtes, Bushs Veto als Akt eines evangelikalen Fundamentalisten abzutun, der in seinem Amt konsequent Religion und Politik vermischt. Das käme zwar dem antiamerikanischen Reflex entgegen, der in Europa mittlerweile zum guten Ton gehört, würde der Problematik aber nicht gerecht.

Zeigt doch gerade auch der zum Teil sicher fragwürdige Kompromiss in der EU, wie groß das Unbehagen ist, das die Stammzellenforschung seit ihren Anfängen begleitet.

Die grundlegende Frage, die sie aufwirft, ist jene nach den Grenzen des medizinischen Fortschritts: Ist der Traum, das eines Tages unheilbare Krankheiten wie Krebs, Parkinson und Alzheimer besiegt werden könnten, uns so viel wert, dass wir dafür sogar die Tötung menschlicher Embryonen in Kauf nehmen? Oder erachten wir gerade das ungeborene Leben, weil es wehrlos ist, als besonders schutzbedürftig?

Von Befürwortern einer Lockerung bei der Stammzellenforschung wird gerne ins Treffen geführt, dass der medizinische Fortschritt seit jeher im ethischen Graubereich verlaufen sei. So habe noch vor zwei Jahrhunderten etwa das Sezieren von Leichnamen als unethisch gegolten. Ethische Maßstäbe würden sich eben wandeln, argumentieren sie.

Wohin es führen kann, wenn Leben - geborenes oder ungeborenes, behindertes oder nicht behindertes - erst einmal in Frage gestellt wird, zeigt das jüngste Urteil des Obersten Gerichtshofs: Hätte sie vom Verdacht des Arztes gewusst, hätte sie abgetrieben, sagt die Mutter und bekam vom OGH Recht.

Klarer und brutaler als die Richter hätte man es nicht sagen können:
Wir sind am Punkt angelangt, wo behinderte Menschen als Schadensfall betrachtet werden. Wohin steuern wir, wenn die Dämme zur Gänze brechen?****

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