Die hängen gebliebene Kosovo-Schallplatte

"Presse"-Leitartikel von Wieland Schneider

Wien (OTS) - Serben und Albaner wiederholen seit Jahren wie im Schlaf immer nur dieselben Argumente. Rüttelt sie wach!

Die internationale Diplomatie ist wahrlich ein hartes Brot: Als wäre es in der Wiener Innenstadt nicht schon heiß genug, muss man auch noch ermüdende Monologe über sich ergehen lassen - zwar mit viel Verve vorgetragen, aber dennoch langweilig, weil ohnehin nur dieselben Argumente wiederkäuend, die man seit Jahren ohne Unterlass hört. Als wäre irgendwann die Platte hängen geblieben:
"Unabhängigkeit und nichts anderes als die Unabhängigkeit"; "Nein, keinesfalls Unabhängigkeit, alles andere, aber keinesfalls die Unabhängigkeit"; "Selbstbestimmungsrecht der Völker"; "Nein, Recht auf Unverletzlichkeit der Grenzen"; ...
Was Albaner und Serben einander - und der internationalen Gemeinschaft - zur Lösung des Kosovo-Problems zu sagen haben, ist wenig ermutigend. Das zeigte das jüngste Wiener Treffen der Spitzenpolitiker aus Belgrad und Pristina nur allzu deutlich.
Ja, natürlich war es schon eine kleine Sensation, dass beide Seiten überhaupt dazu gebracht werden konnten, an den Gesprächen teilzunehmen; und dass beide Delegationen sogar bereit waren, zusammen zu Mittag zu essen - abgesehen von Serbiens Premier Vojslav Kostunica, der die gemeinsame Nahrungsaufnahme verweigerte. Offenbar war ihm der Appetit vergangen. Vielleicht wegen der Hitze. Oder doch aus Angst, ihm könnte ein Bissen im Hals stecken bleiben, wenn er am selben Tisch wie der frühere albanische Rebellenchef Agim ceku speisen muss?
Oder weil er, wie er selber behauptete, die Mittagspause dazu nutzen wollte, um die vorgebrachten albanischen Argumenten zu studieren? Um dann nur wenige Stunden später bei der Pressekonferenz zu verkünden:
Die Kosovo-Albaner hätten eigentlich gar keine wirklichen Argumente für ihre angestrebte Unabhängigkeit.
Was wiederum die Albaner weitgehend kaltlassen konnte: Denn offenbar gab es für sie ohnehin nicht viel zu bereden. Immerhin hatten sie ja schon vor dem Treffen festgestellt, dass als "Kompromiss" für sie nur die volle Eigenstaatlichkeit in Frage komme und sie über andere Alternativen nicht einmal reden wollten.
Der gordische Knoten Kosovo sitzt also fest wie eh und je. Und weder in Belgrad noch in Pristina scheint man derzeit bereit, ihn entwirren zu wollen. Mehr "Flexibilität" haben die USA, Russland und die wichtigsten europäischen Staaten nun von beiden Streitparteien eingefordert - Flexibilität, die bitter nötig ist. Denn nicht einmal in Detailfragen gibt es Bereitschaft zum Kompromiss. Da wird verbissen gefeilscht um jedes kleine Dorf; darum, ob es nun Teil der neuen serbischen Kosovo-Gemeinden mit Sonderbeziehungen zu Belgrad werden darf oder nicht.
Fast hat es den Anschein, als wolle man sich weder in Belgrad noch in Pristina auf irgendetwas einigen - geschweige denn auf den künftigen Status der Provinz. Beide Seiten verlassen sich offenbar immer mehr auf die große Weltpolitik: darauf, dass der UN-Sicherheitsrat die Zukunft des Kosovo dekretiert. Was für die Verantwortlichen in Belgrad und Pristina ja irgendwie ganz praktisch wäre. Denn wer will schon einen Kompromiss unterschreiben und dann als "Volksverräter" gelten; als der, der das "alte serbische Stammland" an die Albaner verkauft hat; beziehungsweise als der, der die Eigenstaatlichkeit des Kosovo verspielt hat, als diese erstmals in greifbarer Nähe schien. Amerikaner und Europäer haben bereits deutlich signalisiert, dass ihnen für den Kosovo eine "bedingte Unabhängigkeit" vorschwebt. Offiziell ist den Albanern diese Eigenstaatlichkeit auf Raten zwar nicht genug, am Ende würden sie diese aber wohl doch akzeptieren. Auf serbischer Seite scheint sich ob dieser Tatsache bereits Ärger und Zynismus breitzumachen. Belgrad setzt nun seine Hoffnung darauf, dass Russland einen unabhängigen Kosovo in letzter Sekunde noch verhindert. Und wenn's denn doch sein muss. Warum soll man dem dann auch noch zustimmen?

Vielleicht ist letzten Endes tatsächlich eine oktroyierte Lösung nötig. Ideal wäre das aber keinesfalls. Gerade auf dem Balkan, dessen Geschicke jahrhundertelang von Großmächten bestimmt worden waren. In einer Region, in der Geschichtsmythen die wildesten Blüten treiben. Um eine Vereinbarung zu erzielen, müssen erst beide Streitparteien wachgerüttelt werden. Die Albaner müssen verstehen, dass sie sich in vielen Punkten großzügiger zeigen sollten, um ihren Traum von Selbstbestimmung erfüllen zu können. Und Serbien muss der bitteren Wahrheit ins Auge blicken, dass es die Zeit nicht hinter 1999 oder gar bis ins Mittelalter zurückdrehen kann. Die internationalen Diplomaten haben - trotz des heißen Wetters - also noch viel zu arbeiten.

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