Fredmund Malik - offener Brief an Dr. Richard Schenz

Malik äußert sich zu den Aussagen von Dr. Schenz über Corporate Governance in der ZIB 2 vom 21.7.2006

St. Gallen (OTS) - Offener Brief zur Klarstellung, St.Gallen am 23.7.2006

Sehr geehrter Herr Schenz,

Ihre in der ZIB 2 vom 21.7.2006 gemachten Äusserungen zum Verhalten von Konzernorganen der ÖBB dokumentieren fehlende Sachkenntnis und mangelhaften Informationsstand. Sie sind Regierungsbeauftragter für den Kapitalmarkt, nicht aber für richtige Unternehmensführung. Ihr Kommentar bewegt sich in der Nähe der Anmassung.

1. Die ÖBB ist ein gänzlich untauglicher Anwendungsfall für den Corporate Governance Kodex (CGK), weil die entscheidenden
Kriterien hier nicht erfüllt sind. Vor allem ist das Unternehmen nicht börsennotiert.

2. Die Konzernorgane der ÖBB brauchen diesen Kodex auch nicht, wie Sie es dargestellt haben, weil sie von Anfang an in jeder Hinsicht korrekt und vorbildlich gearbeitet haben. Das sage ich ausdrücklich auch für den Holdingvorstand und insbesondere Herrn Generaldirektor Huber, der derzeit in der Öffentlichkeit vielfach im höchsten Masse unfair und politisch tendenziös behandelt wird.

3. Selbst wenn der CGK von den Konzernorganen freiwillig angenommen wird, was möglich, aber nicht zwingend nötig ist, wird sich an der praktischen Führung nichts ändern, weil diese von Anfang an den Regeln richtiger Unternehmensführung entsprochen hat, der CGK daher in keiner Hinsicht eine Erweiterung der Führungsgrundlagen darstellt.

4. Die ÖBB hat einen einzigen Eigentümer, nämlich den Staat. Das Unternehmen hat mit der Börse nichts zu tun. Die Eigentümerrechte werden durch den Verkehrsminister wahrgenommen. Dieser - und nicht anonyme Aktionäre und Spekulanten - wählt namentlich und für ihre bisherigen Leistungen bekannte Personen in den Aufsichtsrat. Er kann sie jederzeit abberufen, wann immer er ihre Leistungen für das Unternehmen als nicht genügend beurteilt.

5. In den Einladungsgesprächen betreffend ein Aufsichtsratsmandat ist über die Vergabe von Aufträgen an Aufsichtsräte offen gesprochen worden. Über die Notwendigkeit der Klarheit dieser Frage brauchen wirtschafts- und rechtskundige, als Aufsichtsräte überhaupt in Frage kommende Personen durch niemanden belehrt zu werden. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Solche Aufträge ergehen im Dienste des Unternehmens und nicht im Interesse eines Aufsichtsrats.

6. Es gab daher von Anfang an klare und verbindliche Regeln, die den Gesetzen und den Prinzipien professioneller Unternehmensführung und Unternehmensaufsicht entsprechen. Diese wurde zu jedem Zeitpunkt strikte eingehalten.

7. Unternehmer und Führungskräfte Österreichs haben es nicht nötig, Anstandsregeln über die Medien mitgeteilt zu bekommen. Die Zeit des feudalen Absolutismus ist Vergangenheit. Die überwiegende Anzahl österreichischer Unternehmen war nämlich längst und über Jahrzehnte erfolgreich, bevor ausschliesslich aufgrund von amerikanischen Finanzskandalen die Corporate Governance zum Thema gemacht werden musste. In Österreich hat es übrigens, das sollte Ihnen bekannt sein, bis zur BAWAG-Affäre keinen vergleichbaren Fall gegeben. Zu diesem haben Sie sich nach meinen Kenntnisstand nicht öffentlich geäußert. Das österreichische Aktiengesetz war schon immer gegenüber den angelsächsischen Gesetzen in den wichtigsten Punkten weit fortschrittlicher und höher entwickelt. Wir brauchen daher kein Anstandsmoralisieren.

8. Sehr geehrter Herr Dr. Schenz, Sie unterliegen einem krassen fachlichen Missverständnis, wenn Sie in einem Corporate Governance Kodex überhaupt Anstandsregeln erblicken. Corporate Governance Regeln wurden notwendig nicht wegen des Anstands, sondern um anonyme Aktionäre von börsennotierten Publikumsgesellschaften vor der Selbstherrlichkeit und Selbstbereicherung korrupter Manager zu schützen. Das ist der einzige Zweck.

9. Insbesondere hat der Corporate Governance Kodex rein gar nichts mit richtiger und guter Unternehmensführung zu tun, denn trotz eines Corporate Governance Kodex kann ein Unternehmen in den Bankrott geführt werden, ohne dass jemand irgendwelche Anstandsregeln verletzt. Richtige Unternehmensführung hat mit richtiger Strategie, den richtigen Investitionen und vor allem mit hochwertiger Marktleistung im Dienste der Kunden zu tun.
Zufriedene Kunden und nicht zufriedenes Börsenpublikum hat das Kriterium für gute Unternehmensführung zu sein.

10. Es ist bedauerlich, dass gerade Sie als ehemaliger Vorstandsvorsitzender eines grossen österreichischen Unternehmens mit Ihren Aussagen jenen Wirtschaftunkundigen Vorschub leisten,
die die Kapital- und somit Republikvertreter in den Aufsichtsräten der ÖBB in die Nähe von US-amerikanischen Manager-Machenschaften zu stellen versuchen, die schlussendlich vor amerikanischen Gerichten mit Verurteilungen geendet haben. Gerade von Ihnen mit Ihrer Wirtschaftserfahrung wäre zu erwarten, dass Sie Vorverdächtigungen und Vorverurteilungen entgegentreten.

Den medialen Anschuldigungen fehlt jede Beweisgrundlage. Es wurde bisher mit wenigen Ausnahmen nicht recherchiert. Es werden
haltlose Verdächtigungen ungeprüft wiederholt, die sich in der Nähe der Rufschädigung bewegen.

11. Abschliessend: Ich bringe Ihnen zur Kenntnis, dass es bei
dem ohne bisherige Recherche immer wieder (auch von Ihnen) erwähnten Auftrag - nicht an mich - sondern an unser Tochterunternehmen in Wien, nicht um "Millionen(!)" geht, sondern um einen Rahmenvertrag über maximal(!) 1 (eine) Million, gemäss welchem die Vorstände aller Konzerngesellschaften spezielle Leistungen beauftragen können und zwar kumuliert in Summe bis zu der Limite von einer Million. Selbstverständlich haben auch die Teilaufträge den geltenden Beauftragungsvorschriften zu entsprechen. Mein Honorar als Aufsichtsrat entspricht dem aller anderen Eigentümervertreter im Aufsichtsrat.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Prof. Dr. Fredmund Malik

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