WirtschaftsBlatt Kommentar vom 21. 07. 2006: Wenn Analysten erstarren - von Angelika Kramer

Was nützt einem bwin-Aktionär diese Empfehlung jetzt noch?

Wien (OTS) - Graham Copley, Chef der Aktienanalyse der HSBC-Bank, liess an Deutlichkeit nichts vermissen, als er unlängst meinte, die Analysen seiner Mitarbeiter wären weitgehend "wertloser Kram". Wie sich zeigte, gaben 64 Prozent der Leser der Financial Times Copley Recht: Herdenverhalten, die Analysten würden ohnehin nur voneinander abschreiben und lediglich die letzten Pressemitteilungen zusammenfassen - das war der Tenor einer kürzlich durchgeführten FT-Umfrage.

Sieht man sich die Analysen in Österreich an, muss man wohl zu einem ähnlichen Schluss kommen wie die FT-Leser. Bestes Beispiel sind die aktuellen Einschätzungen der Finanzexperten zum Online-Wettanbieter bwin.

UBS und Dresdner Kleinwort Wasserstein blieben bis gestern stur bei ihrer Kaufempfehlung mit Kurszielen von 90 bzw. 92 Euro. Und das, nachdem massive rechtliche Turbulenzen und die Gewinnwarnung den bwin-Kurs schon deutlich unter 30 Euro gedrückt haben. Auch andere Analysten fühlen nach all dem keinen Drang zum Handeln: Die Erste Bank verharrt bei "Halten" mit 97 Euro (!) Kursziel, die Deutsche Bank bei 83 Euro. Einzig, wer auf die RCB gehört hätte, hätte seine Aktien rechtzeitig vor dem Kurssturz verkauft - aber sogar der Raiffeisen-Analyst hält noch an seinem Kursziel von 68 Euro fest.

Immerhin wissen wir es seit gestern von der CA-IB schwarz auf weiss (siehe Seite 16): "Der Albtraum wurde Wirklichkeit" lautet der Titel der neuen bwin-Analyse, in der das Kursziel von 58 auf 28 Euro abgesenkt wird und die Gewinnprognosen drastisch heruntergefahren werden.

Nur, was nützt einem bwin-Aktionär diese Empfehlung jetzt noch? Okay, er weiss jetzt, der Albtraum, vor dem ihn kein Analyst vorher gewarnt hat, wurde Wirklichkeit. Und vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte seine Aktien vor Wochen verkauft - allerdings weiss man es nachher eben immer besser. Aber genau dafür sind Analysten da: Dass sie den Geschäftsverlauf eines Unternehmens, so gut es geht, vorhersagen und nicht im Nachhinein beschreiben.

Nun ist das Geschäft von bwin nicht gerade ein leicht vorhersehbares - Glücksspiel eben - und auch Analysten sind keine Hellseher. Aber die rechtlichen Risken und jene der WM so falsch einzuschätzen, dazu benötigt niemand eine Analystenausbildung. Auch hier zu Lande sollten die Anleger die Qualität der Aktienanalysen stärker hinterfragen. Man muss ja nicht unbedingt gleich so weit gehen, sie als wertlosen Kram zu bezeichnen.

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