"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Abgestürzt" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 21.07.2006

Wien (OTS) - Die Aktienkurse an der Wiener Börse sind Anfang
dieser Woche kräftig gepurzelt, die Beschäftigtenzahlen steigen. Was passiert? Wirtschaftsminister Bartenstein und Finanzminister Grasser schweigen zur Börseentwicklung und jubeln über den Arbeitsmarkt. Vor ein paar Monaten war es noch genau umgekehrt. Da beknirschte sich der Wirtschaftsminister wegen der schlechten Arbeitsmarktdaten und Karl-Heinz Grasser zeigte sich "sehr erfreut" über den Höhenflug des Wiener Börseindex ATX. Das Überschreiten der 4000er-Marke leiste "einen wesentlichen Beitrag zu mehr Wachstum und Beschäftigung", verkündete er Ende Jänner. Richard Schenz, der Kapitalmarkbeauftragte der Regierung, legte noch ein Schäuferl nach: "Die aktive Kapitalmarktpolitik der Bundesregierung und von Finanzminister Grasser haben diesen Erfolg wesentlich unterstützt."
Schon beim Erreichen des "Dreitausenders" vor ziemlich genau einem Jahr hatte Grasser mit Selbstlob nicht gespart. "Die dynamische Entwicklung des ATX ist das Ergebnis der nachhaltigen Maßnahmen der Bundesregierung zur Stärkung des Kapitalmarkts und ein Erfolg für die offensive Wirtschaftsstrategie der Bundesregierung", ließ er damals verkünden.
Wenn dem so ist, darf man Grasser wohl auch ungestraft die Schuld am Absturz vom bisherigen Höchstwert von 4344 auf derzeit rund 3600 Punkte in die Schuhe schieben: Ein Minus von 20 Prozent binnen weniger Wochen ist ja nicht ohne. Der Minister freilich schweigt dazu so beredt wie zu seinen Kurzurlauben auf Privatyachten von Privatbankiers. Oder doch nicht: Mitte Mai, bei der bislang vorletzten Talfahrt des ATX, hatte Grasser schnoddrig verkündet, dass es an der Börse "auch Korrekturphasen geben" müsse. Er würde sich da "keine besonderen Sorgen machen".
Mag sein, dass man das mit einem Ministergehalt im Rücken und einer gut betuchten Ehegattin an der Seite so sieht. Die Anleger, die seiner "aktiven Kapitalmarktpolitik" vertraut haben, empfinden das vielleicht anders.
In Wirklichkeit war Grasser war Höhenrausch der Wiener Börse ebenso wenig beteiligt wie am jetzigen Sturzflug. Und die Bundesregierung war entgegen den Vorwürfen der Opposition auch nicht Schuld an der Rekordarbeitslosigkeit der letzten Jahre. Allerdings haben wir ihr auch nur zu einem sehr geringen Teil die tausenden zusätzlichen Arbeitsplätze zu verdanken, derer sich Grasser und Bartenstein derzeit rühmen.
Weder Börse noch Arbeitsmarkt funktionieren auf Knopfdruck - egal, wer an den Schaltern sitzt. Wäre den Sozialdemokraten ein Patentrezept für Vollbeschäftigung bekannt, dann hätte es in Deutschland unter Bundeskanzler Schröder keine Rekordarbeitslosigkeit gegeben. Und wüsste Grasser eines für die Börse, dann hätten die Aktien in Wien nicht jetzt binnen weniger Wochen ein Fünftel ihres Werts oder 24 Milliarden Euro verloren. So aber ist seine vermeintliche Börsenkompetenz mit den Kursen abgestürzt und die der Opposition in Sachen Arbeitsmarkt gleich mit.

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