"Die Presse": Leitartikel: "Wie unerträglich ist Leben abseits der Norm?" (von Martina Salomon)

Wien (OTS) - Ein Gerichtsurteil und eine Familientragödie zeigen, wie schwierig der Umgang mit Behinderung ist.

In der Großfamilie lebt es sich am glücklichsten, hat eine diese Woche in Österreich publizierte Studie ergeben. Eigentlich eine ziemlich banale Erkenntnis.
Doch diese Großfamilie gibt's immer seltener, in ganz Europa überlegt man Maßnahmen, damit wieder mehr Babys das Licht der Welt erblicken. Gebildete Frauen bekommen immer öfter gar keinen Nachwuchs mehr. Zwei Kinder sind der Wunsch, beim Einzelkind bleibt es oft. Das ist nicht nur negativ: Geplante Kinder haben es möglicherweise leichter im Leben als ungeplante.
Die wenigen Babys, die wir oft unter großem Aufwand (Reproduktionsmedizin!) produzieren, müssen daher auch perfekt sein. Ein behindertes Kind war schon früher eine Katastrophe, ist es heute noch viel mehr. Daran zu zerbrechen, davor schützt nicht einmal die Großfamilie. Siehe den Fall des oberösterreichischen Landarztes, der sich am Mittwoch erhängte, nachdem er seine fünfjährige - behinderte - Tochter umgebracht hat. Die Familie hatte insgesamt sechs Kinder, eigentlich ein Schutzkokon um das betroffene Mädchen.

Die Medizin hat Wege gefunden, um zumindest das Down-Syndrom noch im Mutterleib zu entdecken - und auszumerzen. Eine "Spätabtreibung" ist in diesem Fall möglich. Ein Drama und eine entsetzliche Belastung für die werdende Mutter. Niemand macht sich so eine Entscheidung leicht, niemand soll deswegen moralisch verurteilt werden. Aber nun soll ein Arzt, der eine Schwangere auf eine mögliche Beeinträchtigung ihres ungeborenen Kindes durch Down-Syndrom nicht explizit hingewiesen hat, sondern sie nur in eine Risikoklinik einwies (die sie dann zu spät aufsuchte), laut einem OGH-Urteil lebenslang für das Kind zahlen. Wer um Himmels willen erlässt solche Urteile?
Gibt es einen Rechtsanspruch auf Abtreibung? Im juristischen Sinne nein, weil ja nur Straffreiheit garantiert wird, de facto natürlich schon. Und wenn wir gezielt Behinderungen suchen, ist die logische Folge ein Schwangerschaftsabbruch - je älter der Embryo, desto problematischer. Wobei es in diesem Zusammenhang reine Heuchelei ist, die Präimplantationsdiagnostik zu verbieten: Die befruchtete Eizelle außerhalb des Mutterleibs schützen wir hundert Mal mehr als den heranwachsenden Embryo.
Natürlich ist eine problematische Auswirkung der Selektierung behinderten Lebens, dass sich Behinderung zur vermeidbaren, singulären Erscheinung entwickelt. "Musste das denn wirklich sein?" Diesen - zumindest schweigenden - Vorwurf bekommen Eltern dann vielleicht zu spüren, die ein "nicht-normales" Kind haben.
Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, wenn die Mutter eines behinderten Kindes ihren Arzt verklagt? Aber ist es auch moralisch zu rechtfertigen? Hätte sie in diesem Fall nicht auch Eigenverantwortung gehabt? Und was, wenn das Kind doch nicht so stark wie erwartet behindert ist und später einmal erfährt, dass es die Eltern töten wollten und seines Überlebens wegen erfolgreich geklagt haben?

Für die Ärzte hat sich eine immer größere Grauzone eröffnet. Ab wann sollen sie einer Schwangeren raten, ihr Kind lieber abzutreiben, beziehungsweise ab wann fordert sie es selbst? Schon bei bei einem leichten Organdefekt, einer missgebildeten Hand? Was oder wer ist normal, was oder wen kann die Gesellschaft nicht ertragen? Was ist lebenswert, was nicht (mehr)? Wer soll darüber entscheiden - der Arzt, der Patient, seine Angehörigen, alle zusammen (was am besten wäre)? Das jüngste Urteil kann zur - teuren - Absicherungsmedizin führen. Die aufwändigste Untersuchung - und eine Abtreibung "sicherheitshalber". Als Mediziner möchte man ja nicht später für etwas haftbar gemacht werden. Aber wie grässlich ist das?
Der Gerichtsentscheid hat eine einzige gute Seite: Ja, natürlich sollen Patienten ihre Mündigkeit nicht bei der Ordinations- oder Spitalstüre abgeben müssen, Ärzte sollen aufklären. Die Medizin ist oft zu schweigsam. Für Zuwendung flüchten Patienten in Massen zu alternativen, teuren, manchmal auch dubiosen Methoden.
Nun gibt es gerade einen neuen Aufnahmetest für die Medizin-Unis. Kombinationsgabe müssen die Studienanwärter für das überlaufene Medizinstudium haben, Intelligenz, räumliches Vorstellungsvermögen. Aber werden auch andere, mindestens ebenso wichtige Eigenschaften geprüft: kommunikatives Verhalten, ethische Einstellung? Je mehr die Medizin kann, desto wichtiger werden solche Charakterzüge - übrigens auch für Richter. Aber die sind in einem Studium schwierig zu erlernen.

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